{"id":211,"date":"2010-01-01T00:00:10","date_gmt":"2010-01-01T00:00:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=211"},"modified":"2020-06-14T21:35:14","modified_gmt":"2020-06-14T21:35:14","slug":"politische-pilgerreisen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=211","title":{"rendered":"Politische Pilgerreisen"},"content":{"rendered":"<p>Sympathisanten der Diktatur<\/p>\n<h3>Politische Pilgerreisen<\/h3>\n<p>Von der Hybris, besser zu wissen, was f\u00fcr andere gut ist<\/p>\n<p>Wiener Zeitung<\/p>\n<p>November 2013 <!--more--><\/p>\n<h5>In der Bewunderung diktatorischer Regime haben viele Intellektuelle des 20. Jahrhunderts eine Neigung zur Selbstt\u00e4uschung gezeigt. Die Hybris, besser zu wissen, was f\u00fcr andere gut ist, verband sich mit blinder Begeisterung. Und heute?<\/h5>\n<p id=\"absatz1\">Drei Jahre alt war Peter Fr\u00f6berg Idling, als er 1975 im Kinderwagen an seiner ersten Demonstration teilnahm. &#8222;Der Ami steckt die Pr\u00fcgel ein, heut Abend will gefeiert sein&#8220;, skandierten seine Eltern im Chor, und feierten die Einnahme Phnom Penhs durch die Roten Khmer. Das ferne kleine Land schien endlich befreit, bald darauf auch Vietnam und Laos, vom franz\u00f6sischen Kolonialismus, vom amerikanischen Imperialismus und seinen korrupten Helfershelfern.<\/p>\n<h5>Die Idee der Revolte<\/h5>\n<p>Sp\u00e4testens 1968 hatten die USA ihr Kapital an Vertrauen aus dem Zweiten Weltkrieg verspielt. Die Befreier von einst waren Unterdr\u00fccker, vor allem in der Dritten Welt, von Guatemala \u00fcber den Kongo, Kuba bis Vietnam. Europas St\u00e4dte brodelten, die Matrizendrucker liefen hei\u00df. Demonstrationsz\u00fcge, zu einem sozialdemokratischen Ritual erstarrt, arteten in Krawalle aus. Auch das Sowjetmodell bot nach den Gr\u00e4ueln der Stalinzeit wenig Alternative. Zur\u00fcck zu den Wurzeln von Marx hie\u00df die Devise, hin zu neuen Modellen in China und Indochina, das von den Sch\u00fctzengr\u00e4ben des Kalten Krieges durchzogen wurde.<\/p>\n<p>Getragen wurde der Aufstand der Jungen in der so genannten Ersten Welt nicht nur von radikaler Ideologie, sondern auch von echtem Mitgef\u00fchl mit niedergebombten Kambodschanern und Vietnamesen, die, mit Napalm \u00fcbergossen, wie Fackeln brannten. 1968 lebte die Revolte &#8211; zumindest als Idee. Der Aufruhr von Paris bis Tokio war nicht lokal. Schon vor der heutigen Globalisierung dachte sowohl die Rechte mit der Dominotheorie als auch die Linke in ihren Revolutionstr\u00e4umen global: Nach Hannah Arendt seien Revolutionen keine beschleunigte Reform, sondern radikaler Wechsel. Doch sei das Ziel ein Mehr an &#8211; auch individueller &#8211; Freiheit. D<img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright  wp-image-556\" src=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/GN-Rikscha.jpg\" alt=\"GN Rikscha\" width=\"676\" height=\"488\" srcset=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/GN-Rikscha.jpg 3131w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/GN-Rikscha-300x216.jpg 300w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/GN-Rikscha-1024x739.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 676px) 100vw, 676px\" \/>avon konnte bei so mancher Revolution keine Rede sein, am wenigsten in <strong>Kambodscha nach 1975<\/strong>. Das 20. Jahrhundert ist voll mit m\u00f6rderischen Diktaturen. Reihungen nach Opferzahlen sind grotesk, doch ist unstrittig, dass die Herrschaft der Roten Khmer eine der schonungslosesten war. Die wenigen Menschen, denen die Flucht gelang, berichteten von Deportationen der Bev\u00f6lkerung aufs Land, von Liquidierungen und kaum vorstellbaren Gr\u00e4ueln.<\/p>\n<p>Der Film-Essayist Rithy Panh &#8211; 1975 kaum 13 Jahre alt &#8211; rollt in seinem heuer auf Deutsch erschienen Bericht &#8222;Ausl\u00f6schung&#8220; lange Gespr\u00e4che mit Kaing Guek Eav, dem als &#8222;Duch&#8220; schaurig bekannt gewordenen Direktor des Foltergef\u00e4ngnisses S 21 in Phnom Penh aus: Der leutselige alte Herr rechtfertigt, verharmlost, l\u00fcgt, strickt an Legenden. Rithy Panh k\u00e4mpft filmisch-poetisch gegen das Schweigen und Vergessen an, mit dem sich alle Peiniger der Welt seit je zu sch\u00fctzen suchten; auch gegen das gewinnende L\u00e4cheln des Massenm\u00f6rders Duch, \u00e4hnlich wie jenes, das Pol Pot &#8211; dem Bruder Nummer 1 in Orwellschem Newspeak &#8211; nachgesagt wurde.<\/p>\n<h5>Entgleiste Revolution<\/h5>\n<p>Revolutionen haben eine Tendenz, zu entgleisen. Exzesse mit Millionen Toten im Holocaust und Gulag wurden lange nicht den neuen Machtstrukturen angelastet, sondern Einzelnen. Bei uns Hitler, in der Sowjetunion Stalin, in China Mao und der Viererbande. &#8222;Massaker geh\u00f6ren zu Revolutionen,&#8220; geht Rithy Panh in seiner Analyse einen Schritt weiter: &#8222;Wer den Umsturz einer Gesellschaft fordert, wei\u00df das genau, und wird die Gewalt nie verurteilen.&#8220; Die Sch\u00e4tzungen zur kambodschanischen Massenvernichtung reichen von einer bis drei Millionen, erschossen, erschlagen, in Arbeitslagern verhungert. Wurden die Irrt\u00fcmer von den einst Revolutionsbegeisterten im Westen auch einger\u00e4umt? L\u00e4ngst erwachsen, stie\u00df Peter Fr\u00f6berg Idling in den neunziger Jahren im kleinen B\u00fcro einer schwedischen Menschenrechtsorganisation in Phnom Penh auf &#8222;Kampuchea zwischen zwei Kriegen&#8220;, den Bericht einer Vierergruppe schwedischer Linker, die im Sommer 1978 Kambodscha besucht hatte. Auf Einladung der Regierung? Das Land war doch hermetisch abgeschottet? Neugierig geworden, begann Fr\u00f6berg den begeisterten Reisebericht zu lesen. Die zwei Frauen und zwei M\u00e4nner hatten damals Kollektive besucht, Errungenschaften bewundert, in ausgesuchten Gemeinschaftsspeises\u00e4len mit dem Volk gegessen und dann des Abends ganz privat mit Pol Pot und Ieng Sary Austern verkostet. Massenmord, Zwangsarbeit, hungernde Menschen? Nichts davon stand im Bericht. <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright  wp-image-559\" src=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/GN-M\u00e4dchen03.jpg\" alt=\"GN M\u00e4dchen03\" width=\"741\" height=\"508\" srcset=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/GN-M\u00e4dchen03.jpg 3431w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/GN-M\u00e4dchen03-300x205.jpg 300w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/GN-M\u00e4dchen03-1024x701.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 741px) 100vw, 741px\" \/>Fr\u00f6berg will verstehen. F\u00fcr eine beginnende Recherche fragt er bei den vier Reisenden von damals an. Jan Myrdal, einst Leiter der Gruppe und einflussreicher Linksintellektueller, verweigert ein Treffen, sagt nur lakonisch am Telefon: &#8222;Ich sah, was ich sah. Und dar\u00fcber habe ich geschrieben.&#8220; Was ihm gezeigt wurde. Was er sehen wollte? Nicht die Angst in den Augen der Gefolterten, die Traumatisierung der \u00dcberlebenden.<\/p>\n<h5>Rosarote Mao-Brillen<\/h5>\n<p>F\u00fcr seine heuer auf Deutsch erschienene, literarisch-essayistische Reportage &#8222;Pol Pots L\u00e4cheln&#8220; fuhr Fr\u00f6berg der einstigen Route der Vier nach. Wie konnten sie quer durch einen Genozid reisen und sich blenden lassen? War es durch rosarote Mao-Brillen gef\u00e4rbter Idealismus? Fanatismus? Konnten sie nichts bemerken, weil ihnen die Wahrheit mit einer Kulisse aus Potemkinschen D\u00f6rfern verstellt war? &#8222;Sahen sie nichts? Wollten sie nichts sehen?&#8220; fragt sich Fr\u00f6berg und lacht heute im Gespr\u00e4ch \u00fcber die Frage: &#8222;Ich habe fast 400 Seiten meines Buches gebraucht, um das zu beantworten.&#8220; Die Vier waren stolz, auserw\u00e4hlt zu sein: Nur eine Handvoll westlicher Ausl\u00e4nder wurde von den Roten Khmer gegen Ende ihrer Herrschaft eingeladen, ihr Image im Ausland aufzupolieren. Sie sprachen die Sprache nicht, hatten daf\u00fcr eine wohlwollende Einstellung gegen\u00fcber ihren Gastgebern, um es milde zu formulieren. Sie erwarteten einen gro\u00dfen historischen Entwicklungsschritt, an dem sie teilhaben w\u00fcrden: eine erfolgreiche Bauernrevolution, keinen steinzeitkommunistischen Terrorstaat. Kambodschas Weg erschien als L\u00f6sung f\u00fcr einen wahrhaft Dritten Weg jenseits von US-Imperialismus und sowjetischem Hegemonialstreben. Konnte es die Verblendung einer Generation und ihre Solidarit\u00e4t mit den geschundenen L\u00e4ndern Indochinas sein, dass die Intellektuellen gl\u00fcckliche, autarke Bauern sehen wollten, und nicht nach den Verschwundenen fragten, darunter sogar der Ehemann einer der Reisenden?<\/p>\n<p>Politische Pilgerreisen gingen einst in die Sowjetunion, nach Kuba, sogar nach Nordkorea. Aus Solidarit\u00e4t mit wahr gewordenen Utopien, die vielleicht noch nicht ganz perfekt waren, aber auf dem besten Weg, trotz aller vom Imperialismus in den Weg geworfener Pr\u00fcgel. Gab es Opfer? In Kambodscha? Ja, etliche mochte es gegeben haben: Ausbeuter, Kollaborateure, Spione, Saboteure. Wo gehobelt wird, da fallen Sp\u00e4ne: der Schrecken als Schattenseite der Revolution nach Hegel. Doch der Zweck heiligt die Mittel. Im Namen des Kollektivs wird die Freiheit des Einzelnen bedeutungslos. Die R\u00e4umung der unreinen St\u00e4dte sollte zu Beginn der radikal angelegten Revolution Tabula rasa machen. Auch die vier Schweden teilten diese Ansicht. Schweden, das in den 1970er Jahren eher als bequemer Versorgerstaat mit einem Hauch von Langeweile denn f\u00fcr Fanatismus bekannt war. Die eigenen Revolutionstr\u00e4ume wurden aus der saturierten Heimat in die Dritte Welt verlagert. Fr\u00f6berg montiert Teile des Reiseberichtes, Beobachtungen, Pressemeldungen, Tagebucheintr\u00e4ge. In 265 Minikapitel getaktet, mischt er Reflexionen, biografische Details aus Pol Pots Leben, lakonische Aussagen von Opfern und Propagandas\u00e4tze des Regimes zu einer packenden, hoch verdichteten und beklemmenden Collage mit dem Sog eines Thrillers. &#8222;Pol Pots L\u00e4cheln&#8220; ist keine Abrechnung mit den 68ern, denen der Autor selbst entstammt. Er f\u00fchrt uns in ein Spiegelkabinett der Nach-68er-Jahre. Weit \u00fcber Kambodscha hinaus veranschaulicht er die Dynamik politischer Selbstt\u00e4uschung. In Romantik und Gemeinschaftsgef\u00fchl wurde weniger die Praxis der Revolution gesehen, sondern ihr Pathos ersp\u00fcrt &#8211; das unbedingte Neue. Ideologien boten einfache Antworten f\u00fcr komplizierte Fragen und verblendeten damit ferne T\u00e4ter wie auch intellektuelle Zaung\u00e4ste.<\/p>\n<p>Die Utopie war das, woran man entschied, zu glauben. Die Studentenbewegung forderte nicht nur f\u00fcr sich, sondern f\u00fcr alle: Die Revolution hatte den Gestus des Universellen. Im Sympathie\u00fcberschuss f\u00fcr Befreiungsbewegungen wurden in Sprechch\u00f6ren kollektive Rechte beschworen, die in den bequemen europ\u00e4ischen St\u00e4dten reichlich abstrakt waren. Allzu oft f\u00fchrte es in die intellektuelle Hybris, zu wissen, was &#8211; f\u00fcr andere und weit weg &#8211; gut ist. &#8222;Welch ein Unterschied zwischen einem Tiger, der uns auf der Leinwand entgegentritt, und einem Tiger auf freier Wildbahn,&#8220; schrieb der vor 300 Jahren geborene Denis Diderot \u00fcber den Despotismus. Das Versagen der Intellektuellen wird immer wieder beklagt. Kaum je war es so drastisch wie bei Kambodscha, wo, wie der Historiker Philipp Blom meint, der in Paris politisierte &#8222;Rousseausch\u00fcler Pol Pot das Land in den Zustand l\u00e4ndlicher Unschuld zur\u00fcckmorden wollte&#8220;: Eine scheinbar paradiesische L\u00f6sung, mit einem apokalyptischen Ende. Nicht in den radikalen Aufkl\u00e4rern wie Diderot, bedauert Blom, sondern in Rousseau oder Voltaire sehen viele die eigentlichen Verfechter der Menschenrechte. Rousseaus Philosophie hat nach Ansicht Bloms den Weg f\u00fcr die Unterdr\u00fcckung des Menschen im Namen des &#8222;Guten&#8220; geebnet, und damit totalit\u00e4re Regime des 20. Jahrhunderts wie eben auch Pol Pot erm\u00f6glicht. Aber auch die UNO hat die Roten Khmer nach deren Sturz durch vietnamesische Truppen noch besch\u00e4mend viele Jahre als &#8222;legitime Regierung&#8220; anerkannt.<\/p>\n<h5>Ende der Revolution?<\/h5>\n<p>Mit der iranischen Revolution Anfang 1979 &#8211; fast zeitgleich mit der Vertreibung der Roten Khmer &#8211; schien die politische Idee der Revolution zumindest im Westen tot. &#8222;Der Nimbus, der sie lange umgab, lag nicht in ihrer Praxis, sondern in ihrem Pathos, ihrer Gestik, ihrer Symbolik,&#8220; meinte der Philosoph Konrad Paul Liessmann k\u00fcrzlich in einem Vortrag beim Lucerne Festival. Die Revolution habe mit einer Inflation des Begriffes (in der Kommunikation, im Sex) den Schrecken verloren. Er sei beliebig geworden. K\u00fcnstler zehren noch vom Gestus der Provokation, allerdings meist spielerisch. Der Rebell von einst, mit seiner Aura, den gro\u00dfen Gesten, dem Habitus ist nur noch eine Chiffre, eine sexy Ikone, und l\u00e4ngst als Che-Guevara-T-Shirt in politischer Romantik \u00e4sthetisiert. Seit 1927 w\u00e4hlt das Nachrichtenmagazin &#8222;Time&#8220; jeweils eine Pers\u00f6nlichkeit zur &#8222;Person des Jahres&#8220;, von Gandhi \u00fcber Martin Luther King bis zu Gorbatschow und Obama. 2011 war es ein vermummtes, anonymes Gesicht:\u00a0The protester. Doch gro\u00dfe Visionen funktionieren kaum mehr, auch nicht die Befreiungsutopien durch eine globale Netzwerkgesellschaft im Internet. Durch die zunehmende \u00dcberwachung scheint eher das Gegenteil Wirklichkeit zu werden. Ist dies das Ende aller Utopien? In der islamischen Welt zum Beispiel nicht, auch wenn uns antiliberale Visionen kaum gefallen. Immer wieder flackert Gewalt auch in marginalisierten europ\u00e4ischen Vorst\u00e4dten auf. Seit den Protesten rund um eine WTO-Konferenz zur Jahrtausendwende in Seattle formiert sich das Aufbegehren einer neuen Generation als &#8222;Aufruhr der Ausgebildeten&#8220;, wie der Protestforscher Wolfgang Kraushaar die Aufst\u00e4nde gegen Banken, Lobbys und Korruption in den Zeiten der Postideologie nennt. Die Aufstiegsversprechen f\u00fcr die Mittelschicht haben sich in ein neues Armutsrisiko gewandelt. Im st\u00e4ndigen\u00a0pursuit of happiness, der individuellen Verfolgung des Gl\u00fccks, f\u00fchlen sich immer mehr Gruppen von den M\u00f6glichkeiten zur Erf\u00fcllung ausgeschlossen. Staat, Wirtschaft und Gesellschaft unserer deregulierten, postmodernen Demokratie driften auseinander. Wir bek\u00e4mpfen die Symptome globaler Ungleichverteilung an unseren Grenzen: Fl\u00fcchtlinge rennen gegen eine Festung an. &#8222;Gleichzeitig schluckt der paradoxe Raum Europa das Aufbegehren&#8220; &#8211; zitiert die Publizistin Isolde Charim den Philosophen Michel P\u00eacheux, und mache es zum Teil noch f\u00fcr sich fruchtbar. Protestbewegungen von der &#8222;Arabellion&#8220; bis Stuttgart (&#8222;S 21&#8220; &#8211; eine ironische K\u00fcrzelgleichung mit dem kambodschanischen Foltergef\u00e4ngnis) haben eine beachtliche Theorieproduktion angeworfen, meint Charim. F\u00fcr die Kuratorin der Reihe &#8222;Demokratie reloaded&#8220; ist ebendiese als labiles System immer in Gefahr.<\/p>\n<h5>Krisen und Wutb\u00fcrger<\/h5>\n<p>Ver\u00e4nderung geschieht ununterbrochen, und immer schneller. Finanzkrisen, Fl\u00fcchtlingsdramen, Ressourcenkonflikte, Umweltprobleme, Internetkontrolle: Lokale wie globale Herausforderungen des 21. Jahrhunderts verlangen nach Positionierungen. Pers\u00f6nliche Freiheit ist zwar selbstverst\u00e4ndlich, doch scheint sie durch \u00dcberwachung auch latent bedroht. Verunsicherung m\u00fcndet in Resignation \u00fcber das System, oder in diffuse Emp\u00f6rung. Wutb\u00fcrger aus der Mitte der Gesellschaft bringen das Unbehagen gegen ein ausgeh\u00f6hltes &#8222;Repr\u00e4sentationsspiel&#8220; etablierter Demokratieformen auch in populistische, anti-aufkl\u00e4rerische Richtungen, hin zu scheinbarem wirtschaftlichem Expertentum \u00e0 la Stronach oder Berlusconi, bis zu Heilserwartungen an eine F\u00fchrerpers\u00f6nlichkeit. Mit der Globalisierung und ihren Krisen besteht auch heute noch ein Hang zu obskurantistischen Verschw\u00f6rungs- und Erl\u00f6sungstheorien, nicht zuletzt im Internet. Nach Philipp Blom folgen wir tief drin weiter religi\u00f6sen Mustern: Wenn wir in die unsichere Zukunft blicken, denken wir in Bildern wie Erl\u00f6sung, oder f\u00fcrchten die \u00f6kologische Apokalypse und erwarten in alarmistischer Angstlust das Ende der Geschichte &#8211; im Paradies oder in ewiger Verdammnis. Wir wollen eine gro\u00dfe L\u00f6sung. Trotz Finanz-, Wirtschafts-, Globalisierungs- und Sinnkrisen aller Art: Revolutionen scheinen aus der Mode zu sein. Potential daf\u00fcr sei selbst unter den Jungen nur gegeben, wenn man ihnen ihre Smartphones verweigere, m\u00f6gen Zyniker einwenden. Doch das Verlangen nach Neugestaltung lebt und sucht neue Organisations- und Artikulationsformen. Das Projekt Aufkl\u00e4rung ist nie zu Ende. Selbst wenn schl\u00fcssige Manifeste f\u00fcr eine neue Weltordnung beiliquid democracy\u00a0und den\u00a0flashmobs\u00a0der\u00a0virtual community\u00a0noch kaum absehbar sind: Soziale Innovationen und Schritte aus der Ohnmacht zu neuen Formen politischer Partizipation werden nicht immer nur leise gesetzt. F\u00fcr Diderot war die Vernunft allein nicht die Spitze des menschlichen Wesens. Aber sie sei eine Fertigkeit, der wir uns bedienen sollten; gepaart mit Empathie, sonst w\u00e4ren wir kalte Monster. Das sei genug, darauf eine Ethik aufzubauen, die helfen soll, das Leid zu minimieren. Gew\u00fcrzt hat Diderot seine Ideen stets mit einer Prise anarchistischen Humors. <a href=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/bk_33.pdf\">Essay als PDF herunterladen <\/a><a href=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/bk_34.pdf\">Teil 2<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sympathisanten der Diktatur Politische Pilgerreisen Von der Hybris, besser zu wissen, was f\u00fcr andere gut ist Wiener Zeitung November 2013<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/211"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=211"}],"version-history":[{"count":19,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/211\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2082,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/211\/revisions\/2082"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=211"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=211"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=211"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}