{"id":247,"date":"2013-12-13T16:27:07","date_gmt":"2013-12-13T16:27:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=247"},"modified":"2014-02-05T18:09:30","modified_gmt":"2014-02-05T18:09:30","slug":"vergessen-rache-oder-vergeben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=247","title":{"rendered":"Varujan Vosganian: Buch des Fl\u00fcsterns"},"content":{"rendered":"<p>Vergessen, Rache \u2013 oder Vergeben<\/p>\n<h3>Varujan Vosganian: Buch des Fl\u00fcsterns<\/h3>\n<p>Wiener Zeitung, Dezember 2013<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Buch der Finsternis<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright  wp-image-452\" alt=\"DSC09213\" src=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/DSC09213.jpg\" width=\"560\" height=\"420\" srcset=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/DSC09213.jpg 2592w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/DSC09213-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/DSC09213-1024x768.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 560px) 100vw, 560px\" \/>In der Rache gibt es keine sinnvolle Arithmetik: Zwei Tote gegen zwei Tote hochgerechnet ergeben nicht Null, sondern Vier. Varujan Vosganian gibt der armenischen Diaspora und dem 20. Jahrhundert eine neue Stimme.<\/p>\n<div id=\"em_cnt_artikel\">\n<div id=\"em_artikelansicht_artikel\">\n<p id=\"absatz1\">&#8222;Ich bin vor allem das, was ich nicht vollenden konnte.&#8220; Welch erster Satz f\u00fcr die folgenden 500 geweinten, geklagten, geraunten Seiten! Wo soll man ansetzen bei einem \u00fcberw\u00e4ltigenden Buch? Bei seiner Sprache, die mit einem Sog von Bildern und Figuren in das Labyrinth seiner Geschichte zieht? Bei der Weisheit, die es entfaltet?<\/p>\n<p>Der armenisch-st\u00e4mmige, rum\u00e4nische Wirtschaftswissenschafter, Politiker und Autor Varujan Vosganian hat mit seinem &#8222;Buch des Fl\u00fcsterns&#8220; einen epochalen Roman vorgelegt. Der Erz\u00e4hlstrom beginnt als pittoreske Schilderung im Armenierviertel von Foc\u015fani in der rum\u00e4nischen Moldau-Provinz, wo auch der Autor seine Kindheit und Jugend verbrachte:<\/p>\n<p>&#8222;Ich spielte unter dem Tisch im Hof, wenn die Alten erz\u00e4hlten. Schickt das Kind hier weg, sagte eine der Tanten. Lass es da, sagte Gro\u00dfvater. Immer bleibt einer \u00fcbrig, der erz\u00e4hlt. Vielleicht wird gerade er einmal der Erz\u00e4hler.&#8220; &#8211; Ein Kind, das bereits gro\u00df geboren wurde, wegen der vielstimmigen Geschichten \u00fcber die in alle Winde zerstreuten oder ausgel\u00f6schten Vorfahren, in einer rauen, an Klagemelodien erinnernden Sprache, die ab und an zum Fl\u00fcstern wird.<\/p>\n<h5>Familien-Diaspora<\/h5>\n<p>Die vom Jungen gesammelten Briefmarken spiegeln die Familien-Diaspora der \u00dcberlebenden. Da finden sich Libanon-Zedern, der amerikanische Adler mit ausgebreiteten Fl\u00fcgeln, die finsteren Z\u00fcge Abdel Nassers oder, mit schr\u00e4g stehenden, misstrauischen Augen, Lenins Kopf. Die Stempel lassen den kleinen Sammler an Wagenr\u00e4der denken, die \u00fcber steinige Stra\u00dfen poltern, im Sand versinken, mit Reif \u00fcberzogen sind, oder schwarz vor Morast. Wenn die Trecks nicht \u00fcberhaupt Fu\u00dfm\u00e4rsche nach Deir ez-Zor waren, in den Tod der arabischen \u00d6dnis.<\/p>\n<p>Jener Gang in die W\u00fcste, die Durchquerung der Dantesken H\u00f6llenkreise ist der Abstieg ins Inferno des Genozids an den Armeniern von 1915, vermittelt mit poetischer Kraft, ohne Predigt: Gerade hier wechselt der Stil in eine lapidare Litanei, die ihre Kraft aus dem mechanischen Rhythmus sch\u00f6pft. Deir ez-Zor, der Ort des Grauens am Euphrat, lag absurderweise am Rande des imagin\u00e4ren Paradieses von Adam und Eva, oder vielmehr von Kain und Abel. Die Deportation wird zum Sinnbild der wiederholten Vertreibung der Menschen aus dem Garten Eden.<\/p>\n<p>Das Kind des 20. Jahrhunderts unter dem Nussbaum im Elterngarten also ist Chronist von heiteren Anekdoten und Dutzenden erb\u00e4rmlichen, absurden, grotesken Schicksalen einer Familie, eines Volkes, das manchmal als H\u00e4ndler freiwillig kosmopolitisch war. Meist aber war die Migration erzwungen. &#8222;Meine Gro\u00dfv\u00e4ter haben aus ihrem Jahrhundert blo\u00df verstanden, wie schwer es ist, in der gleichen Erde zu sterben, aus der man geboren wurde.&#8220;<\/p>\n<h5>Beschw\u00f6rung der Toten<\/h5>\n<p>Vosganians Schreiben ist eine Beschw\u00f6rung der Toten wie auch der \u00c4ngste der \u00dcberlebenden, die sich nach so viel Fluchten verausgabt haben und nun von den Stimmen und Bildern der Verhungerten und Erschlagenen heimgesucht werden.<\/p>\n<p>Geschichtsschreibung bezeugt Sieger. Varujan Vosganian erz\u00e4hlt von jenen, die Geschichte nicht bestimmen, sondern erleiden, von ihrem Beharren, weiterzuleben, auch wenn es nichts zu hoffen gibt. Hei\u00dft es oft zu Beginn eines Romans, &#8222;alle Personen, Schaupl\u00e4tze, Ereignisse und Handlungen sind frei erfunden&#8220;, so sagt der Autor Vosganian: &#8222;Leid muss nicht durch Imagination vermehrt werden. Ohne den Beweggrund der unerbittlichen Realit\u00e4t h\u00e4tte ich nicht gewagt, dar\u00fcber zu schreiben.&#8220;<\/p>\n<p>Vosganian erz\u00e4hlt altmodisch-magisch. Er w\u00e4hlt Analogien, wie jene von sterbenden Pferden auf einem von Siegern und Besiegten verlassenen Schlachtfeld. Der einzige Sieg der missbrauchten Tiere w\u00e4re das \u00dcberleben &#8211; was nur ohne Krieg ginge.<\/p>\n<p>Armenische Geschichten sind selten von einer erg\u00f6tzlichen Art. Mit der Berufung eines antiken Rhapsoden, der Poesie eines orientalischen Geschichtenerz\u00e4hlers und der Klarheit eines europ\u00e4ischen Romanciers zieht uns der Autor mit epischer Kraft in ein eng gewebtes Geflecht von Einzelschicksalen, Gef\u00fchlen, Abgr\u00fcnden und Verstrickungen in totalit\u00e4re Systeme. Er erweckt wie spielerisch einen Reichtum an Charakteren, die bei einem mittelm\u00e4\u00dfigen Schreiber schwarz-wei\u00df-gezeichnete Figuren ergeben h\u00e4tten. Er zieht sprachm\u00e4chtig literarische Register, manchmal tieftraurig, tragikomisch, verst\u00f6rend oder, wenn die schicksalsschwere Intensit\u00e4t allzu qu\u00e4lend w\u00fcrde, lakonisch oder ironisch. Erinnerungsf\u00e4den aus K\u00fcche und Kriegen, Kultur, Religion und Barbarei, Liebe und Verrat werden zu einem Teppich von phantastischem Realismus.<\/p>\n<p>Vergleiche dr\u00e4ngen sich auf, etwa mit &#8222;Hundert Jahre Einsamkeit&#8220; des kolumbianischen Nobelpreistr\u00e4gers Gabriel Garc\u00eda M\u00e1rquez. 100 Jahre nach dem V\u00f6lkermord an den Armeniern, 80 Jahre nach Franz Werfels Roman &#8222;Die vierzig Tage des Musa Dagh&#8220; ist das &#8222;Buch des Fl\u00fcsterns&#8220; f\u00fcr manche bereits das Armenier-Epos schlechthin.<\/p>\n<p>Es ist sogar noch mehr. F\u00fcr den in Rum\u00e4nien umstrittenen Politiker Vosganian steht die armenische Diaspora stellvertretend f\u00fcr Abermillionen &#8222;Nansenianer&#8220;, mit einem Nansen-Pass (Reisedokument f\u00fcr Staatenlose, Anm.) ausgestattete Vertriebene. Ja sie steht f\u00fcr alle geschundenen Menschen des &#8222;Jahrhunderts der W\u00f6lfe&#8220;, wie die russische Autorin Nadeschda Mandelstam das 20. nannte, jenes der Ideologien als Machtmittel, der Weltkriege, Vertreibungen, Konzentrationslager, Massengr\u00e4ber.<\/p>\n<p>Umgang mit Unrecht<br \/>\nIn diesem Licht hat das &#8222;kurze 20. Jahrhundert&#8220; nicht, wie im Gedenkjahr 2014 wohl noch \u00f6fter zu h\u00f6ren sein wird, 1914 begonnen, sondern 1915, mit dem Genozid an den Armeniern. Und es hat nicht 1989 geendet, sondern vielleicht 1994, mit dem V\u00f6lkermord in Ruanda. Doch dass wir mit Francis Fukuyamas oft missverstandenem Diktum vom &#8222;Ende der Geschichte&#8220; dieses Ende nie erreichen werden, wissen wir. Wie also kann die Zukunft all der \u00dcberlebenden gegen die Macht der unterschiedlichen Vergangenheiten verteidigt werden?<\/p>\n<p>Das &#8222;Buch des Fl\u00fcsterns&#8220; erz\u00e4hlt von drei Wegen des Umgangs mit Unrecht: ausf\u00fchrlich von der Rache; vom Vergessen; und von der Vergebung. Vergessen ist ein Monolog, Verzeihen ein Dialog, meint der Autor. Das verlange die meiste Verantwortung. Daf\u00fcr brauche es Akzeptanz von Opfer und T\u00e4tern. Diese sei erst m\u00f6glich, wenn eine Wiederholung der Untaten ausgeschlossen ist.<\/p>\n<p>Literatur sollte keine moralische Botschaft im Sinn haben. Bricht Vosganians Wortkunst unter der Last der Erkenntnisse zusammen? Nein. Was nach 500 Seiten bleibt, ist eine Einsicht: Wir haben all die Barbarei \u00fcberlebt, wir Armenier, Europ\u00e4er, Menschen. Und wir haben nun die Pflicht, menschlich zu sein, trotz oder gerade wegen allem, das wir erduldet und einander angetan haben.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/bk_41.pdf\">Rezension als PDF herunterladen<\/a><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vergessen, Rache \u2013 oder Vergeben Varujan Vosganian: Buch des Fl\u00fcsterns Wiener Zeitung, Dezember 2013<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[2],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/247"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=247"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/247\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":453,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/247\/revisions\/453"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=247"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=247"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=247"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}