{"id":251,"date":"2019-12-07T16:14:33","date_gmt":"2019-12-07T16:14:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=251"},"modified":"2022-10-28T22:26:12","modified_gmt":"2022-10-28T22:26:12","slug":"unglueckliche-brauchen-geschichten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=251","title":{"rendered":"Ungl\u00fcckliche brauchen Geschichten"},"content":{"rendered":"<p>Entmystifizierung, Kibbuzniks und eine Totenklage von <strong>Yoram Kaniuk<\/strong>, <strong>Amos Oz<\/strong> und <strong>David Grossman<\/strong>: Drei gro\u00dfe Stimmen Israels und die Literatur des Landes rund um seinen 65. Geburtstag<\/p>\n<h3>Ungl\u00fcckliche brauchen Geschichten<\/h3>\n<p>Der Standard, Dezember 2013<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><em>Das komischste, was mir im Krieg passiert ist<\/em>\u00a0 sollte Yoram Kaniuks allerletztes Buch hei\u00dfen. Schlie\u00dflich nannte er es ganz prosaisch\u00a0<em>1948<\/em>. Diese Jahreszahl ist in das Ged\u00e4chtnis des Nahen Ostens eingebrannt. 17 Jahre alt war der &#8222;Sabra&#8220;, der schon im Land geborene Kaniuk, als er sich im israelischen Unabh\u00e4ngigkeitskrieg idealistisch in die paramilit\u00e4rische Palmach meldete. Sie w\u00fcrden &#8222;das Land erbauen und von ihm erbaut werden&#8220;, hatten ihnen Lehrer eingetrichtert. Doch erbauen, erbaut werden, wie ging das? Satt Heldengeschichten beschreibt Kaniuk einen Kreuzzug schlecht bewaffneter Kinder. &#8222;Sie schickten uns aus, einen Staat f\u00fcr ihre ermordeten Verwandten zu errichten, ohne zu ahnen, dass dieser Staat eine Art Irrenhaus in der W\u00fcste werden w\u00fcrde.&#8220;<\/p>\n<div id=\"artikelBody\">\n<p>Schon 1949 hatte Kaniuk ein Buch \u00fcber den Krieg geschrieben. Alle Verlage lehnten ab: Es sei nicht gut. &#8222;Vielleicht stimmt das ja&#8220;, sagte er r\u00fcckblickend. Er wollte &#8222;all dem entfliehen&#8220;, ging in die USA, wurde Maler. Dann kehrte er zur\u00fcck und schrieb, unter anderem 17 Romane wie den verfilmten\u00a0<em>Adam Hundesohn\u00a0<\/em>oder<em>\u00a0Der letzte Jude<\/em>, \u00fcber die Shoah, \u00fcber das deutsch-j\u00fcdische Beziehungsgeflecht, \u00fcber Israelis und Pal\u00e4stinenser. Ist\u00a0<em>1948<\/em>\u00a0Roman oder Autobiografie? Jedenfalls b\u00fcrstet Kaniuk Israels Gr\u00fcndungsmythos, den vermeintlich sauberen Unabh\u00e4ngigkeitskrieg, ordentlich gegen den Strich. In der \u00dcbersetzung der Celan-Preistr\u00e4gerin Ruth Achlama \u00f6ffnet er unseren Blick auf den Konflikt und seine Menschen, befreit D\u00e4monen der Vergangenheit und schont dabei weder sich noch die Leser, wo seine Erinnerung erbarmungslos ist und an anderer Stelle l\u00f6chrig scheint.<\/p>\n<p>Was war seine Rolle in einer Racheaktion der w\u00fctenden Truppe an Zivilisten? Hat er selbst ein Kind erschossen, nachdem ein Kamerad bereits dessen Mutter mit dem Messer und den Worten &#8222;Arabische Frauen sind Brutst\u00e4tten f\u00fcr M\u00f6rder&#8220; abgeschlachtet hat? Vielleicht. Es bleibt f\u00fcr den Leser und vielleicht auch den Autor selbst unklar. &#8222;Die Vergangenheit wird so gef\u00e4rbt, wie sie in Erinnerung bleiben soll&#8220;, dekonstruiert er Heldenlegenden. &#8222;Die Palmach war kein netter Haufen. Sie war ein geniales und brutales &#8230; Werkzeug.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Gut 60 Jahre ist der Staat heute alt&#8220;, res\u00fcmiert Kaniuk, &#8222;seine Eltern leben nicht mehr, und seine Erben sind Dummk\u00f6pfe, R\u00e4uber, B\u00f6sewichte, die vergessen haben, woher sie gekommen sind&#8220;, hei\u00dft es in\u00a0<em>1948<\/em>. Dennoch: Kaniuk liefert kein Argumentationsfutter f\u00fcr Einstellungen jener, die schon immer wussten, wer am\u00a0Nahostkonfliktschuld sei, und die L\u00f6sungen im Vorhinein kennen.<\/p>\n<p>Es braucht wohl \u00fcberall Zeit, bis man sich mit der eigenen Geschichte auseinandersetzen kann. Eine der gro\u00dfen Stimmen Israels, die sich politisch nicht den Mund verbieten l\u00e4sst, ist Amos Oz. Sein heuer auf Deutsch erschienener Episodenroman\u00a0<em>Unter Freunden<\/em>\u00a0ist ebenfalls eine R\u00fcckbesinnung auf die Anfangszeit Israels, auf eine der S\u00e4ulen nationaler Identit\u00e4t, den Kibbuz, mit seiner Idee des neuen Juden: kr\u00e4ftig und selbstbewusst, charakterfest und selbstlos, im Kollektiv und weniger in der Religion verankert. Ein nobler Traum f\u00fcr die einen, eine dogmatische Utopie f\u00fcr andere. Oz&#8216; Buchtitel im Original,\u00a0<em>Bein Havarim<\/em>,\u00a0<em>unter Freunden<\/em>\u00a0oder\u00a0<em>unter Genossen<\/em>\u00a0ist doppeldeutig &#8211; unser &#8222;Haberer&#8220; stammt vom hebr\u00e4ischen Wort.<\/p>\n<p>Die Entf\u00e4cherung des Scheiterns einer Vision verl\u00e4uft bei Oz nicht spektakul\u00e4r. Die Erschaffung des neuen Menschen im Kibbuz verlief ohne physische Gewalt. Oz zeigt es im Kleinen. Seine S\u00e4tze sind klar wie die Gesten der Kibbuzniks, die den Boden fruchtbar machen, w\u00e4hrend Oz das mit der hebr\u00e4ischen Sprache tut, von Mirjam Pressler einfach und poetisch ins Deutsche \u00fcbertragen. Es ist ein kammerspielartiger Roman in acht eigenst\u00e4ndigen Novellen, verbunden durch wechselnde Protagonisten, die, in einer Geschichte noch Hauptfigur, in der n\u00e4chsten einer anderen mit deren jeweiligen Begehren und Widerspr\u00fcchen Platz machen.<\/p>\n<p>Nach dem Selbstmord seiner Mutter ist das &#8222;W\u00f6rterkind&#8220; Amos selbst mit 15 in einen Kibbuz gegangen und 30 Jahre geblieben. Sein fiktives Jikhat der 50er-Jahre ist kein Mikrokosmos Israels, sondern der Menschheit. Die Schicksale gehen weit \u00fcber die enge Gemeinschaft hinaus, wo jeder von allen alles wei\u00df. Sie vermitteln etwas Elementares unserer Bedingtheit, wenn Dogma und Wirklichkeit aufeinanderprallen: das fragile Bed\u00fcrfnis nach Privatheit gegen\u00fcber hehren Idealen; Tr\u00e4ume, Liebe, Eifersucht, Einsamkeit inmitten ausgezehrter Utopien.<\/p>\n<p><strong>Vom erinnern, klagen und vergessen<\/strong><\/p>\n<p>&#8222;Ich schreibe \u00fcber ungl\u00fcckliche Menschen. Gl\u00fcckliche sprechen f\u00fcr sich selbst. Sie brauchen keine Geschichten&#8220;, sagt Oz, der nicht nur wegen seines Opus magnum\u00a0<em>Eine Geschichte von Liebe und Finsternis<\/em>\u00a0seit Jahren Nobelpreiskandidat ist. In\u00a0<em>Unter Freunden<\/em>\u00a0zeigt er sich schon altersweise, voll Mitgef\u00fchl und Zuneigung, mit einer gelegentlichen Prise Tragikomik. Er richtet nicht. Jede gute Literatur sei provinziell, sagt Oz: In jedem Tropfen Wasser findet sich der ganze Ozean wieder.<\/p>\n<p>Von David Grossman kommt die literarisch anspruchsvollste Neuerscheinung. Als Kommentator und humaner Analytiker der Sprache des Nahostkonfliktes engagiert sich auch Grossman seit Jahren f\u00fcr eine friedliche L\u00f6sung. Als Schriftsteller hat er lange die politischen &#8222;Unheilszonen&#8220; gemieden. Er erfand die Liebessprache eines Paares, schrieb Kinderliteratur oder \u00fcber Probleme Heranwachsender. Dass die Politik nicht nur vehement ins Schreiben, sondern auch in ein Leben einbrechen kann, erfuhr er 2006. In\u00a0<em>Eine Frau flieht vor einer Nachricht\u00a0<\/em>hatte er den bef\u00fcrchteten Tod seines Sohnes im Libanon-Krieg wie vorausgeahnt.<\/p>\n<p>In\u00a0<em>Aus der Zeit fallen<\/em>\u00a0verarbeitet er nun paradigmatisch den Verlust. Wenn schon auf eine &#8222;Insel der Trauer&#8220; verbannt, wollte er eine &#8222;Landkarte der Inselgeografie&#8220; schreiben. In einer vielstimmigen Mischform aus Sprechgesang, Lyrik und Prosa wurde es ein Gebet und Klagelied, ein Versepos in der Tradition klassischer Trag\u00f6dien. &#8222;Ein Mann&#8220; und &#8222;eine Frau&#8220; reden miteinander, aneinander vorbei. Er muss &#8222;zu ihm&#8220;, &#8222;nach dort&#8220;; er geht aus dem Haus, im Kreis, um sich, um die Stadt. Andere Untr\u00f6stliche, die Kinder verloren haben, schlie\u00dfen sich ihm an, ein Lehrer, ein Schuster, eine Hebamme, ein Zentaur, ein Chronist. Der Chor der Gehenden kreist um einen Abgrund, der sie machtvoll anzieht.<\/p>\n<p>In z\u00e4rtlicher Traurigkeit ist es Grossmans bislang pers\u00f6nlichster Text, ohne autobiografische Bekenntnisliteratur zu sein. &#8222;Die Form hat mich gew\u00e4hlt, sagt er. &#8222;Ich wollte Prosa schreiben. In Prosa kann man distanziert schreiben. Poesie ist intimer, pr\u00e4ziser.&#8220; Oder, wie es Grossmans Frau Michal ausdr\u00fcckt: &#8222;Poesie ist das dem Schweigen n\u00e4chste.&#8220;<\/p>\n<p><strong>\u00a0Konflikte und Debatten<\/strong><\/p>\n<p>Israels Literatur wird in siebzig Sprachen \u00fcbersetzt. Auf Deutsch werden mehr B\u00fccher publiziert als in jeder anderen Sprache. Die Mehrheit der \u00fcbersetzten Autoren waren s\u00e4kular und in einer europ\u00e4ischen Tradition verwurzelt. Weder Kaniuk noch Oz oder Grossman sind alttestamentarische Hiobs, doch alle sind &#8211; im Fall Kaniuks: waren &#8211; vision\u00e4re Kritiker der Politik und engagieren sich f\u00fcr die Zusammenarbeit von Israelis und Pal\u00e4stinensern.<\/p>\n<p>In Interviews werden sie oft nur kurz zu ihrem Werk und den Rest zur politischen Situation befragt. Geduldig, klug und engagiert geben sie Auskunft. Unsere Wahrnehmung Israels, gepr\u00e4gt von schlechtem Gewissen oder Besserwisserei, ist auf die politische Dimension fokussiert, auf die Shoah und die ewig gleichen Debatten um das Land Pal\u00e4stina.<\/p>\n<p>Seit je prallen hier Kulturen und Religionen und heute Tradition und Postmoderne in einer heterogenen Gesellschaft aufeinander. L\u00e4ngst pr\u00e4gen auch interne Konflikte Israels Debatten, das Verh\u00e4ltnis laizistisch gegen\u00fcber religi\u00f6s, europ\u00e4ische versus orientalische Wurzeln bis hin zu Rassismuskontroversen um \u00e4thiopische oder russische Zuwanderer.<\/p>\n<p>&#8222;Israel hat vielleicht die faszinierendste Literaturszene der Welt&#8220;, meinte Amos Oz. &#8222;Symbolisten und Realisten, Surrealisten, Dadaisten, eine ungeheure Vielfalt an Stilen, Tendenzen, Literaturkonzepten, Schreibeigenarten.&#8220; Es gibt streitbare Lyriker wie Natan Zach (\u00a0<em>Verlorener Kontinent<\/em>, Suhrkamp 2013), Junge Wilde, solche aus einer orientalischen Lebenswelt bis zu arabisch-israelischen Stimmen wie Sayed Kashua (<em>Zweite Person Singular<\/em>, 2013 als Taschenbuch bei Bloomsbury) oder den verstorbenen Emil Habibi, nach dem Haifa heuer einen Platz benannte, und viele Frauen: Zeruya Shalev (zuletzt 2012\u00a0<em>F\u00fcr den Rest des Lebens<\/em>\u00a0im Berlin-Verlag) steht noch f\u00fcr das s\u00e4kulare Israel, doch &#8222;die Orthodoxen sind auf dem Vormarsch&#8220;, sagt sie, &#8222;sie ver\u00e4ndern die Atmosph\u00e4re auf eine ungute Weise, hin zur Verh\u00e4rtung und Verstocktheit&#8220;.<\/p>\n<p>Die Erfolgsautorin Mira Mag\u00e9n (<em>Wodka und Brot<\/em>, 2012 bei dtv) dagegen stammt aus einem ultraorthodoxen Milieu, wo es kaum Raum f\u00fcr weibliche Selbstverwirklichung gab. Sie bringt jenen Menschen diese Welt n\u00e4her, die kaum Zugang dazu haben, und gibt umgekehrt Religi\u00f6sen mit subtilen T\u00f6nen eine Stimme. Sie selbst sieht sich weniger als Querdenkerin denn als Mittlerin, Pendlerin zwischen traditionellem und modernem Israel.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/derstandard.at\/1385170970509\/Unglueckliche-brauchen-Geschichten\" target=\"_blank\">http:\/\/derstandard.at\/1385170970509\/Unglueckliche-brauchen-Geschichten<\/a><\/p>\n<p><span class=\"st\"><em>Yoram Kaniuk<\/em>: <em>1948<\/em>. Deutsch von Ruth Achlama, 248 Seiten, Aufbau Verlag 2013<\/span><\/p>\n<p><em>Amos Oz:<\/em> Unter Freunden.\u00a0 Deutsch von Mirjam Pressler,\u00a0 216 Seiten<br \/>\nSuhrkamp Verlag, Berlin 2013<\/p>\n<p><em>David Grossman:<\/em> Aus der Zeit fallen. Deutsch von Anne Birkenbauer.<br \/>\nCarl Hanser Verlag, M\u00fcnchen 2012<\/p>\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;<\/p>\n<p><em>Natan Zach:<\/em> Verlorener Kontinent. Gedichte. Deutsch von Ehud Alexander Avner, Suhrkamp \/ Insel 2013<\/p>\n<p><i>Sayed Kashua<\/i>: Zweite Person Singular, Deutsch von Mirjam Pressler, Berlin Verlag 2013<\/p>\n<p><i>Zeruya Shalev:<\/i><i> <\/i>F\u00fcr den Rest des Lebens. Roman. Deutsch von Mirjam Pressler, Berlin Verlag 2013<\/p>\n<p><i>Mira Mag\u00e9n:<\/i> Wodka und Brot.<i> <\/i>Roman. Deutsch von Mirjam Pressler, 400 Seiten, dtv, M\u00fcnchen 2012<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Entmystifizierung, Kibbuzniks und eine Totenklage von Yoram Kaniuk, Amos Oz und David Grossman: Drei gro\u00dfe Stimmen Israels und die Literatur des Landes rund um seinen 65. 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