{"id":378,"date":"2014-01-31T18:15:40","date_gmt":"2014-01-31T18:15:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=378"},"modified":"2015-12-29T22:31:45","modified_gmt":"2015-12-29T22:31:45","slug":"378","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=378","title":{"rendered":"Adonis: Der Wald der Liebe in uns"},"content":{"rendered":"<p>Jeder K\u00f6rper ist ein Gemenge aus Sprachen, aber nicht Alphabet<\/p>\n<h3>Adonis: Der Wald der Liebe in uns<\/h3>\n<p>Glanz &amp; Elend, Januar 2014<!--more--><\/p>\n<p><b>Einst war der Schriftsteller Adonis ein Neuerer arabischer Poesie.<br \/>\n\u00dcber Jahre wurde er als Nobelpreiskandidat gehandelt. Als Kritiker<br \/>\ndes syrischen Aufstandes steht er heute wieder im Rampenlicht.\u00a0<i><br \/>\n<\/i>\u00bbDer Wald der Liebe in uns\u00ab<i>\u00a0<\/i>ist unpolitische Liebeslyrik des 84j\u00e4hrigen<br \/>\nIntellektuellen und wohl renommiertesten arabischen Dichters der Gegenwart.<\/b><\/p>\n<p>Kein Zweifel, es gibt sie, die politische Konjunktur von Literatur. 2013 erhielt Adonis den Petrarca-Preis, der ausdr\u00fccklich europ\u00e4ische Kultur f\u00f6rdern will. Ist es dem Wohnort des Poeten geschuldet, der seit 30 Jahren in Paris lebt, und zwischenzeitlich auch einmal in Deutschland? Gar dem erfreulichen Umstand, dass die Kultur eine flexiblere Sicht auf die Grenzen Europas hat als die Politik? Zu den Jury-Mitgliedern des nach dem Mitbegr\u00fcnder des Humanismus benannten Preises z\u00e4hlen Michael Kr\u00fcger, Peter Handke und Alfred Kolleritsch. Oder liegt es doch an den Ereignissen in der arabischen Welt, besonders an der verzweifelten Situation in Syrien, die uns Europ\u00e4er aufw\u00fchlt und zugleich hilflos macht?<\/p>\n<p>Der Lebensweg des Autors schien das Schicksal von Millionen vorwegzunehmen, und zu spiegeln. Geboren wurde er in Nordsyrien als Ali Ahmad Said Esber, studiert hat er in Damaskus, sein erstes Exil war der Libanon, seit drei Jahrzehnten lebt er in Europa. Nicht erst mit Ovids\u00a0<i>Amores<\/i>\u00a0und dem Weg des r\u00f6mischen Dichters \u00fcber das Meer ins unfreiwillige Exil \u2013 damals in anderer Richtung &#8211; haben sich die Kulturen des Mittelmeerraumes, der griechisch-ph\u00f6nizischen Antike immer wieder wechselseitig befruchtet. Adonis war und ist ein spiritueller Nomade, ein Grenzg\u00e4nger zwischen orientalischem und westlichem Denken. Von kulturellen Reinheitsgeboten h\u00e4lt er nichts. Der selbstgew\u00e4hlte K\u00fcnstlername stammt von jenem griechischen Halbgott, dessen Name semitischen Ursprungs ist, und der f\u00fcr Erneuerung und Auferstehung steht. Dass Adonis schon lange als Literaturnobelpreis-Anw\u00e4rter genannt wird, hat mit dem arabischen Fr\u00fchling, der sich vielerorts wie Winter anf\u00fchlt, wenig zu tun.\u00a0<i>All das, wozu ich au\u00dferstande, es Dir zu sagen \/ Wird in der Tiefe meines Schweigens versinken<\/i>: Der 2013 erschienene \u00bbWald der Liebe in uns\u00ab ist fern der Tagespolitik.<\/p>\n<p>Bei aller Religionskritik sieht sich Adonis in der Tradition klassischer arabischer Dichter, die zu anderen Zeiten weit weniger \u2013 auch erotische &#8211; Tabus kannten als die heute herrschenden, restriktiven Str\u00f6mungen in der islamischen Welt. Adonis hat Stil und Duktus der arabischen Dichtkunst modernisiert. Manchmal war er auch in seiner Poesie durchaus politisch, vor allem im angesichts 9\/11 drei Jahrzehnte sp\u00e4ter prophetisch anmutenden Langgedicht-Zyklus\u00a0<i>Ein<em>Grab f\u00fcr New York\u00a0<\/em><\/i><em>aus dem Jahr 1971,<\/em>\u00a0zum H\u00f6hepunkt des US-Vietnamkriegs: Es waren Ges\u00e4nge von Hybris und Nemesis, von Zorn, aber auch Vers\u00f6hnung.<\/p>\n<p>Anfang 2014 hat Adonis seinen 84. Geburtstag gefeiert. Der Autor und Essayist ist voll Skepsis gegen\u00fcber der Arabellion, besonders jene gegen das in Damaskus herrschende Regime: \u00bbIch kann nicht an einer Revolution teilnehmen, die aus den Moscheen kommt.\u00ab Eine Milit\u00e4rdiktatur kontrolliere den Kopf und die politischen Gedanken. Das sei schlimm genug. Doch die religi\u00f6se Diktatur kontrolliere Kopf, Herz, K\u00f6rper und Seele, also das ganze Leben.<\/p>\n<p>Adonis&#8216; Liebeslyrik ist so unpolitisch, wie es Poesie heute sein kann: Im Islam ist die Rezitation des Koran nicht nur Gottesbekenntnis, sondern auch Gipfel poetischer Ausdruckskraft. Andere Gedichte geraten in den Verdacht frevelhafter H\u00e4resie. Nicht die Auseinandersetzung mit dem Westen sei das Hauptproblem der Araber, hat der Antiislamist Adonis schon vor Jahrzehnten gemeint, sondern die mangelnde Auseinandersetzung einer autorit\u00e4r erstarrte Zivilisation mit den eigenen Traditionen.<\/p>\n<p><i>Der Wald der Liebe in uns<\/i>\u00a0ist vielstimmig, bilderreich, manchmal auch sparsam an Metaphern, gelegentlich spr\u00f6de. Oft sind es K\u00fcrzestgedichte:\u00a0<i>Das Licht, das mich leitet, leitet mich fehl \/ Im Scho\u00df meines Hauses zerschmettern mich meine Bastionen.<\/i><\/p>\n<p>Adonis&#8216; Repertoire reicht von der Wehklage bis zum Gel\u00e4chter.\u00a0\u00a0<i>Schlaf ist die Erde seiner Freuden \/ Bett ist die Erde seiner Leiden:\u00a0<\/i>Viel ist in den durchwegs titellosen Gedichten von \u00dcberschreitungen, Irrungen und Blessuren die Rede, von Schmerz und Bitternis. Die Miniaturen mit oft unerwarteter Zeichensetzung deuten Geheimnisse an, und wahren sie mitunter.<\/p>\n<h5>\u00bbJeder K\u00f6rper ist ein Gemenge aus Sprachen, aber nicht Alphabet\u00ab<\/h5>\n<p><i>Wir erbl\u00fchen, richten uns auf, fallen zur\u00fcck \/ Heften uns aneinander<\/i>. Ist Adonis&#8216; Dichtkunst nun orientalischer Mystik n\u00e4her, oder europ\u00e4ischem Kitsch? In Deutschen Landen ist Liebeslyrik kaum en vogue, und nicht alle wollen sich den Lobeshymnen f\u00fcr Adonis anschlie\u00dfen. Er beherrsche religi\u00f6s verbr\u00e4mte Ornamentik und einen knappen brechtischen Ton gleicherma\u00dfen, merkte der Literaturwissenschaftler Erich Klein an. Adonis&#8216; \u00bbpostheideggerianische Lyrik \u2013 H\u00f6lderlin, Heidegger und Nietzsche sind Adonis\u2019 Hausg\u00f6tter\u00ab zitiere haufenweise Arabismen herbei. Die Welt der Moderne und der Technik werde in eine mit viel Asche \u00fcberzuckerte Apokalypse versetzt, dazu komme noch gl\u00fchende Liebesleidenschaft, so die Kritik.<\/p>\n<p>In jedem Fall bleibt Adonis ein Grenzg\u00e4nger zwischen Orient und Okzident. Die heute wieder un\u00fcberbr\u00fcckbar erscheinenden Differenzen in einer Person in Einklang zu bringen, ist genug Herausforderung f\u00fcr ein Lebensalter.\u00a0<i>Der Wald der Liebe\u00a0<\/i>ist ein Alterswerk, nicht unbedingt abgekl\u00e4rt, sondern vielmehr, a<i>ls\u00a0<\/i>w\u00fcrde man Getr\u00e4umtes lesen<i>: Mach mich wieder zu dem, was ich sein will \/ Wie ich war, ein Gewoge.\u00a0<\/i>Dass das Meer, Ebbe und Flut immer wieder eine Rolle spielen, liegt wohl auch an Adonis&#8216; Herkunft und Pr\u00e4gung an den Ufern der Levante. In diesen Gedichten geht es weniger um Verstehen als um Eintauchen. Das sich-treiben-lassen ist dabei manchmal ebenso schwer wie das Navigieren.\u00a0<i>Frage mich nicht, wer ich war \/ Woher ich komme \/ Ich bin Dir begegnet \u2013 seit dieser Begegnung \/ Bin ich meiner Finsternis entrissen \/ Bin ich geboren.\u00a0<\/i>Und an anderer Stelle:<i>\u00a0Ich bin nicht am Ziel. Ein W\u00fcrfel aus Traurigkeit \/ Rollt herab von den Schultern<\/i>.<\/p>\n<p>Adonis kurze S\u00e4tze hinterlassen eine Intensit\u00e4t der Ber\u00fchrung, jenseits des klaren Verst\u00e4ndnisses, und er\u00f6ffnen den Raum hinter den Worten: das blo\u00dfe Sein.\u00a0<i>Jeder K\u00f6rper ist ein Gemenge aus Sprachen, aber nicht Alphabet, sagt sie \/ \u2026 \/ Tagt\u00e4glich befrage ich ihren Leib \/ Buchstabiere ihn \/ Und erlerne an ihm den Weg des Fragens.\u00a0<\/i>So n\u00e4hert sich Adonis letztlich auch der Grundfrage von Liebeslyrik:\u00a0<i>Muss ich eine Br\u00fccke schlagen \/ Zwischen dem Feuer, das meinen K\u00f6rper entflammt \/ Und dem Lehm der W\u00f6rter \/ Um die Luststrecke zu durchqueren<\/i>. Beantworten darf die Frage jeder Leser, jede Leserin f\u00fcr sich.<\/p>\n<p>Der Salzburger Verlag Jung &amp; Jung hat in den letzten Jahren ein au\u00dferordentliches Gesp\u00fcr f\u00fcr neue Autoren gehabt, das mit zwei Deutschen Buchpreisen belohnt wurde. Adonis mit seinen 84 Jahren ist zwar keine Neuentdeckung. Doch \u00bbDer Wald der Liebe in uns\u00ab ist auch f\u00fcr Nicht-Lyrikfans ein Fundst\u00fcck.<\/p>\n<p>Jung und Jung Verlag, Salzburg 2013<br \/>\nISBN 9783990270363<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.glanzundelend.de\/Artikel\/abc\/a\/adonis-der-wald-der-liebe-in-uns.htm\">http:\/\/www.glanzundelend.de\/Artikel\/abc\/a\/adonis-der-wald-der-liebe-in-uns.htm<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.planetlyrik.de\/adonis-der-wald-der-liebe-uns\/2014\/01\/\">http:\/\/www.planetlyrik.de\/adonis-der-wald-der-liebe-uns\/2014\/01\/<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jeder K\u00f6rper ist ein Gemenge aus Sprachen, aber nicht Alphabet Adonis: Der Wald der Liebe in uns Glanz &amp; Elend, Januar 2014<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[2],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/378"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=378"}],"version-history":[{"count":15,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/378\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1612,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/378\/revisions\/1612"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=378"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=378"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=378"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}