{"id":76,"date":"2008-08-22T00:00:45","date_gmt":"2008-08-22T00:00:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=76"},"modified":"2015-04-20T15:16:09","modified_gmt":"2015-04-20T15:16:09","slug":"lukas-baerfuss-hundert-tage","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=76","title":{"rendered":"Lukas B\u00e4rfuss: Hundert Tage"},"content":{"rendered":"<p>Bleistifte f\u00fcr die Todesliste<\/p>\n<h3>Lukas B\u00e4rfuss: Hundert Tage<\/h3>\n<p>Die Presse, August 2008<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>800.000 Menschen wurden in Ruanda 1994 abgeschlachtet. Lukas B\u00e4rfuss fragt im Roman \u201eHundert Tage\u201c nach dem Warum des V\u00f6lkermords und nach der europ\u00e4ischen Mitverantwortung. Beklemmend.<\/p>\n<div>\n<p>Ruanda 1994: Der Schweizer Dramatiker Lukas B\u00e4rfuss thematisiert in seinem Erstlingsroman \u201eHundert Tage\u201c die Verwicklung europ\u00e4ischer Entwicklungspolitik in den gr\u00f6\u00dften V\u00f6lkermord nach Auschwitz.<\/p>\n<p>Die nackten Zahlen sind bekannt: 1994 wurden im kleinen ostafrikanischen Ruanda in drei Monaten 800.000 Menschen mit Macheten abgeschlachtet oder in Kirchen verbrannt, w\u00e4hrend die UNO um den Begriff Genozid feilschte, der zum Eingreifen verpflichtet h\u00e4tte. Wie zeitlos die Wortklauberei ist, zeigen die j\u00fcngeren Beispiele Darfur oder Kongo.<\/p>\n<p>Lukas B\u00e4rfuss hat sich mit B\u00fchnenst\u00fccken zu kontroversiellen Themen wie Sterbehilfe einen Namen als junger Wilder gemacht. Nun legt er seinen ersten Roman vor. Bestens recherchiert sp\u00fcrt \u201eHundert Tage\u201c dem Warum eines kollektiven Blutrausches nach \u2013 und europ\u00e4ischer Mitverantwortung im gr\u00f6\u00dften V\u00f6lkermord nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Identifikation heimischer Leser mit einem Stoff ist naturgem\u00e4\u00df leichter, wenn die Protagonisten Europ\u00e4er sind. B\u00e4rfuss hat die Form der Lebensbeichte eines tatendurchsichtigen Idealisten voll Gerechtigkeitssinn gew\u00e4hlt, der das Gute will und das B\u00f6se zumindest nicht verhindern kann.<\/p>\n<p>Der Abstieg in Abgr\u00fcnde folgt dramaturgisch einer bew\u00e4hrten Mischung aus Krieg und Amour fou: David, ein Entwicklungs-hilfe-Frischling, verliebt sich in eine attraktive Einheimische. In einer Treibhausatmosph\u00e4re bl\u00fcht Liebe auf, keine federleichte,sondern geschw\u00e4ngert von Sex und Gewalt. Nur dass bei B\u00e4rfuss die exotische Sch\u00f6ne in verzweifelter \u00dcbersteigerung nicht Opfer, sondern T\u00e4terin ist.<\/p>\n<p>B\u00e4rfuss zeichnet die beklemmende Ann\u00e4herung von Liebe und Aggression, von Zivilisation und Barbarei, wo selbst in den Augen eines Gutmenschen \u201eein Flackern die Freude an der Katastrophe verriet\u201c. David verliert im Strudel des Wahnsinns erst die Geliebte, dann die Illusionen und in letzter L\u00e4hmung jede Empfindung von Anstand. Er wird nicht aktiv schuldig, \u00fcberlebt die hundert Tage der Massaker aber nur durch seinen G\u00e4rtner, einen Milizion\u00e4r, der tags\u00fcber mordet und ihn des Nachts mit Essen versorgt. Im Gegenzug versteckt David dessen Pl\u00fcndergut im Haus \u2013 und sieht nicht ohne H\u00e4me zu, wie der mordende G\u00e4rtner seinerseits im Garten von einer trunkenen Hutu-Bande erschlagen wird, weil er seinen (Hutu-)Ausweis im Haus vergessen hat.<\/p>\n<p>Wie viel Information braucht ein Roman? Stellenweise \u00fcbernimmt sich B\u00e4rfuss mit dem Anspruch, die geschichtlichen Hintergr\u00fcnde zu erl\u00e4utern. Erkl\u00e4rungen geraten zu einem Gemenge aus penibler Recherche und fast kindlicher Beschreibung der \u201eLangen\u201c (Tutsis), der \u201eKurzen\u201c (Hutus) und der \u201enoch K\u00fcrzeren\u201c (Pygm\u00e4en). Das alles, um dem Leser ein umfassendes Bild zu geben, das er auch literarisch gewinnen k\u00f6nnte: Erz\u00e4hlkunst, die der Autor gerade im k\u00fchlen Blick am fesselndsten beherrscht, in dramatischen Szenen, die so knapp wie packend und glaubw\u00fcrdig sind, wo er pers\u00f6nlich wird.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2008\/08\/DSC01520.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright  wp-image-1196\" src=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2008\/08\/DSC01520-1024x768.jpg\" alt=\"DSC01520\" width=\"539\" height=\"404\" srcset=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2008\/08\/DSC01520-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2008\/08\/DSC01520-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2008\/08\/DSC01520.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 539px) 100vw, 539px\" \/><\/a>Bei der h\u00f6rigen Lust des Protagonisten, bei seiner Besserwisserei und gleichzeitigen Hilflosigkeit. Der Strudel des Grauens rei\u00dft David wie den Leser ohne verbale Blutorgien in lakonischen S\u00e4tzen mit. Dagegen bleibt die d\u00e4monische Wandlung Agathes, des Objektes von Davids Begierde, trotz deftiger Szenen bedauerlich ungreifbar, w\u00e4hrend in eindringlichen Naturbildern Berggorillas zu besseren Homo sapiens, Silberr\u00fccken zu Berggurus stilisiert werden. Der Autor versucht Stereotype zu meiden und tappt dann zuweilen schnoddrig hinein: In \u201eder Schw\u00e4rze der afrikanischen Nacht\u201c ist die Sprache der Einheimischen \u201eein f\u00fcr Ausl\u00e4nder kaum erlernbares Bantu-Idiom\u201c.<\/p>\n<h5>Entwicklungshilfe f\u00fcr Herrscher?<\/h5>\n<p>Der 1971 in Thun (Schweiz) geborene Lukas B\u00e4rfuss legt gekonnt Fallstricke des Gutseins, der politischen Korrektheit angesichts afrikanischer Realit\u00e4ten aus: Bei aller Ausrichtung auf bed\u00fcrftige Zielgruppen f\u00f6rdert Entwicklungshilfe Stabilit\u00e4t, die in kaum demokratisch regierten L\u00e4ndern Afrikas \u2013 siehe das j\u00fcngste Beispiel heimischer Diskussion, der Tschad-Einsatz \u2013 zun\u00e4chst den Herrschenden zugutekommt. Und Ruanda war \u2013 kaum je thematisiert \u2013 1988 bis 2002 auch Schwerpunktland der \u00f6sterreichischen Entwicklungszusammenarbeit. B\u00e4rfuss gei\u00dfelt die vermeintliche Kleingeisterei europ\u00e4ischer Entwicklungshilfe und ihrer ebenso hoch bezahlten wie desillusionierten Vertreter vor Ort.<\/p>\n<p>Manche scharf gezeichneten Figuren wirken wie vom dramaturgischen Rei\u00dfbrett, als Entwurzelte, denen die Schweizer \u201eHeimat zu einem einzigen gro\u00dfen Schuldgef\u00fchl geworden war\u201c, oder geraten schlichtweg zu Vehikeln f\u00fcr die These Komplizenschaft der neutralen Eidgenossenschaft, die bereits mit der Debatte \u00fcber verhinderte Fluchthilfe im Weltkrieg und dem jahrzehntelangen Verstecken nachrichtenloser Bankkonten ihre Unschuld verloren hat.<\/p>\n<p>\u201eWir geh\u00f6ren nicht zu denen, die Blutb\u00e4der anrichten. Das tun andere. Wir schwimmen darin. Und wir wissen genau, wie man sich bewegen muss, um obenauf zu bleiben.\u201c Naive Idealisten werden wie unvermeidlich zumindest zu Zynikern, wenn nicht gar zu Handlangern des Todes: \u201eWir gaben ihnen den Bleistift, mit dem sie<br \/>\ndie Todeslisten schrieben, wir legten ihnen die Telefonleitung, mit der sie den Mordbefehl erteilten, und wir bauten ihnen die Stra\u00dfen, auf denen die M\u00f6rder zu ihren Opfern fuhren.\u201c<\/p>\n<p>Die Schweiz schulte Radiojournalisten \u2013 und diese setzen ihre neuen Fertigkeiten f\u00fcr Hasstiraden \u00fcber dem \u00c4ther der \u201eMille Collines\u201c, der tausend gr\u00fcnen H\u00fcgel der \u201eSchweiz Afrikas\u201c ein. Die \u201eSymbiose unserer Tugend mit ihrem Verbrechen\u201c machte den Genozid erst m\u00f6glich, sinniert der aller Illusionen, aber nicht der Schuldgef\u00fchle verlustig gegangene Illusionist.<\/p>\n<p>Selbst in einem Thesenroman geht es kaum um weltkluge Analyse. Das Dilemma im Umgang mit \u201eSchurkenstaaten\u201c und milit\u00e4rischer oder zumindest friedenserhaltender Interventionen wird von B\u00e4rfuss angerissen. Der Autor weist keinen Weg durch das \u201eHerz der Finsternis\u201c, das sp\u00e4testens seit Joseph Conrad bekanntlich nicht im hinteren Afrika, sondern knapp unter dem Firnis der Zivilisiertheit in jedem von uns liegt. Er zieht den Leser in einen dramatischen Sog innerer K\u00e4mpfe als Hohlspiegel der \u00e4u\u00dferen und l\u00e4sst ihn hilflos zur\u00fcck wie den gebrochenen Protagonisten in den einsamen H\u00f6hen des Jura.<\/p>\n<p>Ob die eidgen\u00f6ssische Selbstgei\u00dfelung gerechtfertigt ist, sei ebenso dahingestellt wie die \u00fcberm\u00e4chtige Frage nach der Erkl\u00e4rbarkeit eines Genozids: die vielleicht Hannah Arendt mit dem Res\u00fcmee der \u201efurchtbaren Banalit\u00e4t des B\u00f6sen\u201c nachhaltig beantwortet hat.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" id=\"irc_mi\" class=\"\" src=\"http:\/\/www.wallstein-verlag.de\/media\/cover\/9783835302716l.png\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"247\" \/><\/p>\n<p>Lukas B\u00e4rfuss<\/p>\n<p>Hundert Tage<\/p>\n<p>Wallstein-Verlag, 2008<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bleistifte f\u00fcr die Todesliste Lukas B\u00e4rfuss: Hundert Tage Die Presse, August 2008<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[2],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/76"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=76"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/76\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1199,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/76\/revisions\/1199"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=76"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=76"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=76"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}