{"id":87,"date":"2010-04-01T00:00:50","date_gmt":"2010-04-01T00:00:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=87"},"modified":"2014-01-23T13:22:54","modified_gmt":"2014-01-23T13:22:54","slug":"anna-mitgutsch-wenn-du-wiederkommst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=87","title":{"rendered":"Anna Mitgutsch: Wenn du wiederkommst"},"content":{"rendered":"<p>Orpheus ohne Wiederkehr<\/p>\n<h3>Anna Mitgutsch: Wenn du wiederkommst<\/h3>\n<p>Wiener Zeitung, April 2010<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p id=\"absatz1\">Sie waren in einer Lebensphase, in der &#8222;die Jugend vorbei ist und das Alter noch nicht bedrohlich erscheint&#8220;. Gem\u00e4\u00df den Regeln von Jeromes j\u00fcdischer Familie galt die Beziehung l\u00e4ngst als gescheitert, selbst nach den Autonomieanspr\u00fcchen des intellektuellen Paares: hier sein sexueller Freiheitsdrang, da ihr Bed\u00fcrfnis nach zeitweiligem \u00f6rtlichen R\u00fcckzug als Schriftstellerin, auch in die eigene Sprache.<\/p>\n<p>Doch sogar nach der Scheidung versuchten die deutschsprachige Ich-Erz\u00e4hlerin und Jerome, ihr amerikanischer Mann, eine unkonventionelle Partnerschaft mit den Pendelm\u00f6glichkeiten globalisierter Mobilit\u00e4t. Nach dem stetigen Auf und Ab in 35 Jahren Beziehung, davon 20 verheiratet und 15 geschieden, h\u00e4tte es nun ein vorsichtiger Neuanfang werden sollen. Wenige Tage nach der letzten Begegnung, mit der zitternden Aussicht auf eine Altersliebe, wird die namenlose Protagonistin durch einen Anruf ihrer Tochter aufgeschreckt.<\/p>\n<p>Der Schmerz \u00fcber Jeromes j\u00e4hen Herztod, &#8222;erst ein j\u00e4her Stich, und wenn er ausklingt, wird er dumpf und endg\u00fcltig&#8220;, durchl\u00e4uft alle Stadien von Unglauben, Rebellion, Sehnsucht, Hadern bis zur Anklage; von Momenten der Bilanz und des Bedauerns \u00fcber Ungesagtes, Ungelebtes bis hin zum Zweifel \u00fcber die Lebensliebe, vielleicht auch Lebensl\u00fcge: ob Jerome, der Anwalt von Habenichtsen, der Schauspieler und ewige Verf\u00fchrer, sie seinerseits je so geliebt hat, wie sie dachte, hoffte.<\/p>\n<p>Jeromes Familie ist Gastgeber w\u00e4hrend der Schiv\u00b4a, der traditionellen j\u00fcdischen Trauerwoche im Bostoner Haus des Paares. Die Ex-Gattin ist dabei ein St\u00f6rfaktor. Sie wird bestenfalls als Mutter der gemeinsamen, mittlerweile erwachsenen Tochter Ilana geduldet. Die Gef\u00fchle einer Geschiedenen passen schlecht ins Ordnungsschema religi\u00f6ser Konvention. Die Katholikin war zu Jeromes liberalem Judentum \u00fcbergetreten, doch seine Familie hat sie nie wirklich akzeptiert.<\/p>\n<p>Die Br\u00fcchigkeit von Beziehungen und Sprache zieht sich durch Mitgutschs Werke. Die Schl\u00fcsselfiguren erscheinen weniger als Kosmopoliten denn als Heimatlose, oft zwischen deutsch-\u00f6sterreichischen und j\u00fcdisch-amerikanischen Kulturkreisen. Die meisten Protagonistinnen in den nunmehr neun Mitgutsch-Romanen sind Pers\u00f6nlichkeiten mit fragiler Herkunftsidentit\u00e4t, Grenzg\u00e4nger, die das Gef\u00fchl der Fremdheit in sich tragen, die die Heimat aufgeben und eine neue suchen.<\/p>\n<p>Wie schon fr\u00fcher schont Mitgutsch auch hier weder die Ich-Erz\u00e4hlerin, die im \u00dcbrigen wenig \u00fcber ihre eigene Ursprungsfamilie und ihr fr\u00fcheres Leben preisgibt, noch die Leser. Die Trauernde oszilliert zwischen schwebender Melancholie w\u00e4hrend n\u00e4chtlicher Begegnungen mit ihrer ebenfalls schlaflosen Tochter und qu\u00e4lender Genauigkeit beim Aussortieren von angesammeltem Plunder und kostbaren Erinnerungsbruchst\u00fccken &#8211; bis angesichts der Fotos von Jeromes wechselnden Geliebten wieder die Erfahrungswut durchbricht. &#8222;Und dennoch: Ich w\u00fcrde ihm, auch mit dem Gewissen von heute, mein Leben ein zweites Mal anvertrauen, wir haben einander die Identit\u00e4t gegeben, die unsere eigene ist.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Vielleicht ist Trauer gar nicht anders m\u00f6glich als in ritualisierten Formen, sonst wird sie zu ma\u00dflos, zu gef\u00e4hrlich.&#8220; Das Ende des Trauerjahres wird zum endg\u00fcltigen Abschied der Ich-Erz\u00e4hlerin vom Haus am Fluss, n\u00e4mlich von ihrer Wahlheimat Boston, von den Fischerd\u00f6rfern und den im Sp\u00e4therbst einsamen Str\u00e4nden der Ostk\u00fcste, den Koordinaten von 35 Jahren gemeinsamen Lebens und erhoffter Zukunft. &#8222;Wir waren zum Schluss erst am Anfang, und auch die Liebe hatte gerade erst eine neue Gestalt angenommen.&#8220;<\/p>\n<p>Eros und Thanatos, die Verkn\u00fcpfung von Liebe und Tod &#8211; kaum ein anderes Thema besch\u00e4ftigt Kunst wie Literatur so sehr wie die Ohnmacht vor Himmels- oder H\u00f6llenmacht. Umso gr\u00f6\u00dfer ist die Gefahr, dass ein Autor klischeehaft-pathetisch daran scheitert. Anna Mitgutsch beweist jedoch ihre Meisterschaft, wenn es gilt, sprachgewaltig nach dem Unsagbaren zu greifen: Eine Orpheus-Geschichte, allerdings ohne Wiederkehr, in welcher der Tote nur durch Worte wieder wachgerufen wird.<\/p>\n<p>&#8222;Wer f\u00fcr den Tod Metaphern findet, war ihm nie wirklich nah genug.&#8220; Obwohl Anna Mitgutsch ansonsten Bez\u00fcgen zu ihrer Biographie wenig abgewinnen kann, gesteht sie ein: &#8222;Bei diesem Thema muss die pers\u00f6nliche Erfahrung vorangegangen sein.&#8220;<\/p>\n<p>Dem eigenen Schmerz abgerungen, ist ihr mit diesem Buch eine ber\u00fchrende Wehklage gelungen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Orpheus ohne Wiederkehr Anna Mitgutsch: Wenn du wiederkommst Wiener Zeitung, April 2010<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[2],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/87"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=87"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/87\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":88,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/87\/revisions\/88"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=87"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=87"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=87"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}