{"id":89,"date":"2010-07-01T00:00:51","date_gmt":"2010-07-01T00:00:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=89"},"modified":"2015-05-25T15:00:43","modified_gmt":"2015-05-25T15:00:43","slug":"milena-michiko-flasar-okaasan-meine-unbekannte-mutter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=89","title":{"rendered":"Milena Michiko Fla\u0161ar: Okaasan. Meine unbekannte Mutter"},"content":{"rendered":"<p>Magische Wortsch\u00f6pfungen<\/p>\n<h3>Milena Michiko Fla\u0161ar: <strong><span class=\"st\">[Ich bin]<\/span><\/strong> &amp; Okaasan. Meine unbekannte Mutter<\/h3>\n<p>Wiener Zeitung, Juli 2010<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p id=\"absatz1\">2008 deb\u00fctierte Milena Michiko Fla\u0161ar mit &#8222;[Ich bin]&#8220;, einer viel beachteten Sammlung lyrischer Prosa. Drei lose verkn\u00fcpfte Geschichten erz\u00e4hlten in verdichteter Gef\u00fchlsintensit\u00e4t und poetischer Abstraktion von Liebe und ihrem Ende, von der Fl\u00fcchtigkeit von Beziehungen, von Erwartungen, Abh\u00e4ngigkeit, Zorn, Abschied und Loslassen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/07\/DSC03947.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft  wp-image-353\" src=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/07\/DSC03947.jpg\" alt=\"DSC03947\" width=\"526\" height=\"394\" srcset=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/07\/DSC03947.jpg 800w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/07\/DSC03947-300x225.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 526px) 100vw, 526px\" \/><\/a>Fla\u0161ar\u00a0packte einschneidende Themen junger Menschen in schwerelos anmutende Figuren, die nur selten eine Spur abgehoben von allen profanen Alltagsproblemen ihrer Lebensstationen in Wien, Berlin, Belgrad und New York agierten. Die Handlung der zersplitterten Sequenzen trat hinter dem fesselnden Zauber von Flaars Sprachgewebe zur\u00fcck.<\/p>\n<p><i>Okaasan\u00a0<\/i>, das japanische Wort f\u00fcr Mutter, ist der Titel des nunmehr zweiten Buches der 1980 in St. P\u00f6lten geborenen und in Wien lebenden Autorin. Sie beschreibt &#8211; im ersten Teil &#8211; einf\u00fchlsam das Versiegen von Erinnerungen, den langsamen Abschied einer schweigsamen Mutter, ihr Verschwinden hinter einem Schleier dementer Umnachtung. Es geht hier nicht um die sp\u00e4te Aufarbeitung einer konfliktreichen Mutter-Tochter-Beziehung, vielmehr sucht die Ich-Erz\u00e4hlerin nach Bruchst\u00fccken der einsamen Kindheit ihrer Mutter, nach den Sehns\u00fcchten, Hoffnungen des damals jungen M\u00e4dchens in Japan, vor ihrer \u00dcbersiedlung in die europ\u00e4ische Ferne. Leichte Satzgef\u00fcge erz\u00e4hlen mehr suggestiv als narrativ von Fremdheit, ohne in Exotismus zu verfallen.<\/p>\n<p>Worte sind f\u00fcr die Autorin &#8222;schon da, kommen wie Musik aus der Stille, m\u00fcssen nur eingefangen, aufgeklaubt werden&#8220;. Flaar kreiert zauberische Wortbilder, die schweben, ohne mit dem Boden der Realit\u00e4t zu verwachsen. Die Sprache bleibt r\u00fccksichtsvoll, ohne scharfe Kanten, verletzt, nach Aussage der Autorin durchaus bewusst, niemanden.<\/p>\n<p>Die Ich-Erz\u00e4hlerin &#8211; durch eine Abtreibung in j\u00fcngeren Jahren selbst eine verhinderte Mutter &#8211; sucht eine letzte Ann\u00e4herung an die Jugend ihrer Mutter, und findet gleichzeitig den Abschied in tastenden Schritten, so poetisch wie glaubw\u00fcrdig. Die Mutter von Milena Michiko\u00a0Fla\u0161ar stammt &#8211; wie der Name nahelegt &#8211; aus Japan, doch ihre haarfein skizzierte Demenz ist Fiktion.<\/p>\n<p>Der zweite Teil des Buches beginnt \u00fcbergangslos, als ob die zwei Texte eine noch nicht zusammengeheilte Bruchstelle symbolisieren wollten. Nach dem Tod der Mutter begibt sich die Ich-Erz\u00e4hlerin auf Identit\u00e4tssuche, nicht nach Ost-, sondern &#8211; einem Hinweis, einer Eingebung folgend &#8211; nach S\u00fcdasien. Diese Reise in eine \u00e4u\u00dfere Fremde, um Kind-Geborgenheit, Mutter-Sein, nicht Erlebtes und Unentdecktes in sich zu begreifen, atmet vernehmlich den Geist von Guru-Eskapismus und Ashram-Esoterik.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/07\/DSC03949-Kunstdruck.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright  wp-image-1292\" src=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/07\/DSC03949-Kunstdruck.jpg\" alt=\"DSC03949 Kunstdruck\" width=\"529\" height=\"397\" srcset=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/07\/DSC03949-Kunstdruck.jpg 2048w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/07\/DSC03949-Kunstdruck-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/07\/DSC03949-Kunstdruck-1024x768.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 529px) 100vw, 529px\" \/><\/a>Die spirituelle Suche nach\u00a0<i>Amma\u00a0<\/i>, der personifizierten, allumfassenden Ur- und \u00dcbermutter im s\u00fcdindischen Kerala, wirkt zwiesp\u00e4ltig. Statt wie in &#8222;[Ich bin]&#8220; die stimmige Perspektive eine j\u00fcngeren Frau zu w\u00e4hlen, hat die Autorin in &#8222;Okaasan&#8220; eine End-Vierzigerin als Ich-Erz\u00e4hlerin gew\u00e4hlt, womit dem im ersten Teil so eindringlichen Text im zweiten kein guter Dienst erwiesen wird.<\/p>\n<p>Insgesamt schm\u00e4lert das die Qualit\u00e4t von Fla\u0161ars Sprache aber nur wenig. Die Wortkreationen, punktuell schwebenden Meditationen und rauschhaften Metaphern umschiffen meist melodisch, ja traumwandlerisch abgedroschene Phrasen, auch wenn sie im zweiten Teil, ohne ironischen Bruch, gelegentlich nur haarscharf am Kitsch vorbei schrammen. Am beeindruckendsten ist die Autorin auch hier in knappen, nur wenig lyrisch verfremdeten Wahrnehmungen, etwa bei der Erinnerung der Protagonistin an ihre abgebrochene Schwangerschaft.<\/p>\n<p>Fla\u0161ars in &#8222;[Ich bin]&#8220; angedeutete und in &#8222;Okaasan&#8220; best\u00e4tigte Gabe f\u00fcr magische Wortsch\u00f6pfungen und virtuosen Sprachfluss l\u00e4sst hoffen, dass das Talent der drei\u00dfigj\u00e4hrigen Autorin noch zu weiterem kompositorischen Raffinement findet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"\" src=\"http:\/\/www.residenzverlag.at\/upload\/titles\/cover_1307_s.jpg\" alt=\"\" width=\"164\" height=\"262\" \/><\/p>\n<p>Milena Michiko Flasar,<\/p>\n<p><strong>Okaasan &#8211; Meine unbekannte Mutter.<\/strong><\/p>\n<p>Residenz Verlag 2010.\u00a0 144 Seiten. EUR 17,90<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"\" src=\"http:\/\/www.residenzverlag.at\/upload\/titles\/cover_1136_l.jpg\" alt=\"\" width=\"168\" height=\"264\" \/><\/p>\n<p>Milena Michiko Flasar,<strong><span class=\"st\"> [Ich bin]<\/span>.<\/strong><\/p>\n<p>Residenz Verlag 2008.\u00a0 144 Seiten. EUR 16,90<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Magische Wortsch\u00f6pfungen Milena Michiko Fla\u0161ar: [Ich bin] &amp; Okaasan. Meine unbekannte Mutter Wiener Zeitung, Juli 2010<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[2],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/89"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=89"}],"version-history":[{"count":11,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/89\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1294,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/89\/revisions\/1294"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=89"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=89"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=89"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}