{"id":909,"date":"2014-03-23T17:00:12","date_gmt":"2014-03-23T17:00:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=909"},"modified":"2015-03-31T16:19:08","modified_gmt":"2015-03-31T16:19:08","slug":"das-weisse-zwischen-den-worten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=909","title":{"rendered":"Das Wei\u00dfe zwischen den Worten"},"content":{"rendered":"<p><strong>Literarische Kunstst\u00fccke und eine Ann\u00e4herung an das Unsagbare<\/strong><\/p>\n<h3>Anna Mitgutsch: Das Wei\u00dfe zwischen den Worten<\/h3>\n<p>Die Presse, M\u00e4rz 2014<\/p>\n<p class=\"articlelead\"><!--more--><\/p>\n<p class=\"articlelead\"><strong>In ihrer weltl\u00e4ufigen Essaysammlung \u201eDie Welt, die R\u00e4tsel bleibt\u201c vereint Anna Mitgutsch \u00dcberlegungen zu Heimat und Fremde, zu Medien und Macht und zur Sprache mit einf\u00fchl-samen Schriftstellerportr\u00e4ts. Literarische Kunstst\u00fccke und eine Ann\u00e4herung an das Unsagbare.<\/strong><\/p>\n<p><time>\u00a0<\/time>Sie meldet sich nicht donnernd in Debatten und ist abseits des medialen Scheinwerferlichts eine Ruhige im manchmal schrillen Literaturbetrieb. \u201eSpectrum\u201c-Lesern ist Anna Mitgutsch nicht nur als Romanautorin, sondern auch als feinf\u00fchlige Rezensentin und versierte Essayistin ein Begriff.<\/p>\n<p>\u201eSprache braucht Zeit f\u00fcr ihre Entfaltung \u2013 wie alles Sch\u00f6pferische. Sie braucht Konzentration und Langsamkeit, sonst gerinnt sie zu Gemeinpl\u00e4tzen.\u201c Anna Mitgutschhat in England, Asien und den USA gelebt, gelehrt und Literatur \u00fcbersetzt. Sie hat Sprache von au\u00dfen umkreist und teilt uns ihre sensiblen wie kenntnisreichen Wahrnehmungen \u00fcber fluktuierende Identit\u00e4ten, Verunsicherungen und Einsamkeiten im Essay \u201eIn zwei Sprachen leben\u201c mit. \u201eDie Welt, die R\u00e4tsel bleibt\u201c vereint fr\u00fchere, teils aktualisierte Aufs\u00e4tze, Vortr\u00e4ge und neue \u00dcberlegungen zu Heimat und Fremde, zu Medien und Macht und immer wieder zur Sprache, deren Magie sie poetisch erschlie\u00dft.<\/p>\n<p>\u201eIst Schweigen Tugend oder Unverm\u00f6gen?\u201c Jedem ihrer Aufs\u00e4tze stellt die Autorin ein Motto als offene Frage voran. \u201eSie liebte es, Abwesenheiten zu evozieren. Was bleibt, ist eine konzentrierte Stille\u201c, schreibt sie \u00fcber Emily Dickinson. Kaum jemand in der \u00f6sterreichischen Literaturszene hat Grenzen und Fremdsein so behutsam vermittelt wie Anna Mitgutsch. Ihre Essays sind ernsthaft, sie deuten nur manchmal einen Hauch Kulturpessimismus an, etwa wenn es um neue Medien geht: Mitgutsch thematisiert das Unbehagen an medialen Bildern als Konsumg\u00fcter, die blo\u00df die Gier nach mehr sch\u00fcren und nivellieren, kurzum: Wie wir durch Unterhaltung, Werbung, Lifestyle zugem\u00fcllt werden. \u201eDem Fortschritt der Moderne wohnt eine Verschlei\u00dfunruhe inne. Die Vergangenheit wird zunehmend entwertet, die Zukunft ihrer Substanz beraubt. Wer gegen diesen Strom schwimmen will, erm\u00fcdet rasch.\u201c Stets sind Mitgutschs Beobachtungen bestechend stringent, ohne besserwisserisch aufzutreten. \u201eLiteratur ist nicht der Ort f\u00fcr unmissverst\u00e4ndliches, an den Leser gerichtetes Reden und ist auch nicht berufen, Antworten zu geben. Im besten Fall stellt sie die richtigen Fragen.\u201c<\/p>\n<p>Allzu oft wurden Mitgutschs komplexe Romanfiguren mit feministischen Positionen etikettiert und ihre bisher neun Romane auf Selbsterfahrungs- oder Frauenliteratur festgelegt. \u201eIn der Anlage autobiografisch, aber nicht in den Details\u201c, hat die Literaturnobelpreistr\u00e4gerin Alice Munro ihre eigene Prosa charakterisiert. \u201eErfahrungen sind das Rohmaterial, aus dem wir ein ganzes Leben lang sch\u00f6pfen\u201c, bekr\u00e4ftigt Mitgutsch, was sich in ihren Texten meist als Verschr\u00e4nkung individueller und kollektiver Erinnerung zeigt. Ihre Reflexionen \u00fcber \u201eErinnern und Erfinden: Die Fiktionalisierung der Erfahrung\u201c z\u00e4hlen zum Erhellendsten des an Erkenntnissen reichen Essaybandes.<\/p>\n<p>Seit Gilgamesch lagen jenseits des Horizontes die Gefilde der Sehnsucht, der Utopie, des Transzendenten, der Hoffnung auf Erl\u00f6sung \u2013 und die Abgr\u00fcnde des Schreckens, der Ausl\u00f6schung. \u201eEinmal war der Horizont des Menschen der Kosmos, heute sind es die Gef\u00e4ngnismauern\u201c, zitiert die Autorin zur Situation von K\u00fcnstlern in Diktaturen aus dem Galeerentagebuch von Imre Kert\u00e9sz. \u201eSprachen sind Weltansichten\u201c, beschwor demgegen\u00fcber J\u00fcrgen Trabant k\u00fcrzlich Wilhelm von Humboldts Sprachprojekt, \u201eaber sie sind keine Gef\u00e4ngnisse.\u201c Doch wer in Opposition zu einem System steht, muss an ein anderes System glauben, und darin liegen, in Kert\u00e9sz&#8216; Klarsicht, die Fallen der Blindheit, der L\u00fcge und der Korruption.<\/p>\n<p>Sprache stellt nach der Shoah eine br\u00fcchige Br\u00fccke \u00fcber den Abgrund dar, der zwischen Verh\u00fcllen und Enth\u00fcllen todbringend und Erkenntnis versprechend aufblitzt: F\u00fcr Paul Celan lag der Abgrund nicht nur vor, sondern auch hinter ihm. \u201eWer auf dem Kopf geht, der hat den Himmel als Abgrund\u201c, zitierte er anl\u00e4sslich der Bremer Literaturpreisverleihung 1958 Georg B\u00fcchner. \u201eIn der Literatur lieben wir die Gescheiterten\u201c, sagt eine von Mitgutschs Romanfiguren, \u201eauf ihrem Altar werden sie an unserer Statt geopfert.\u201c Schriftstellerportr\u00e4ts machen gut ein Drittel des Essaybands aus. Mehrere haben das Thema Fremdsein im Kern, von Herman Melvilles \u201eBartleby\u201c, dem \u201eHungerk\u00fcnstler der menschlichen Existenz\u201c,zu Sylvia Plath, von Elias Canetti bis zum vergessenen Ober\u00f6sterreicher Franz Rieger mit seinem Thema Ohnmacht: \u201eDu kannst auf eine Gefahr verzichten, indem du ihr ausweichst. Der Ohnmacht aber kannst du nicht ausweichen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIn Arkadien nach Utopien schmachten\u201c: Dem israelischen Autor Amos Oz hat Mitgutsch das l\u00e4ngste Portr\u00e4t gewidmet. Oz skizziert den Kibbuz als Keimzelle einer sozialutopischen Idee von s\u00e4kularisierten Figuren mit messianischen Z\u00fcgen biblischer Propheten. Urspr\u00fcnglich Religionsersatz ist aus der Kibbuz-Imagination Alltag geworden. Doch die Erl\u00f6sungshoffnung bleibt konstant, die Sehnsucht nach Ruhe am ersehnten Ort. Nur f\u00fcr Momente wird Ernst Blochs \u201eruhem\u00e4chtiger Augenblick des Staunens\u201c als begl\u00fcckendes Lebensres\u00fcmee m\u00f6glich, der Kompromiss aus Erreichtem und Ertr\u00e4umtem.<\/p>\n<p>Ist dem 21. Jahrhundert das Transzendente endg\u00fcltig abhanden gekommen? \u201eDer Horizont ist der Sicherheitskordon des Diesseits, der unsere Sehnsucht zwar niemals erf\u00fcllt, aber f\u00fcr endlose Mutma\u00dfungen offensteht, ohne unser Leben zu fordern\u201c, meint Mitgutsch. Doch hat der Horizont in Kunst und Literatur als Chiffre ausgedient. Der Abgrund habe ihn abgel\u00f6st, vor allem der Zivilisationsbruch des Totalit\u00e4ren, \u201eder unseren Glauben an die Werte der Aufkl\u00e4rung, der Religion und des Humanismus ersch\u00fcttert hat.\u201c Dennoch: \u201eAlle Ideologien des 20. Jahrhunderts sind an der Verwirklichung ihres destruktiven Potenzials zugrunde gegangen.\u201c<\/p>\n<p>In Mitgutschs Romanen wie auch in den Essays ist Wahrhaftigkeit eine Konstante, ohne Versatzst\u00fccke, ohne Klischees. Sie geht dem kaum Begreifbaren wie Liebe, Tod, dem B\u00f6sen, der Nachtseite von uns Menschen nach, verweist auf Mythen, Religion und das Unbewusste. Sie ertastet Grenzen, verdichtet Physisches und Metaphysisches, verbindet das Vern\u00fcnftige und das Erahnte, stets im Bewusstsein, dass Innen und Au\u00dfen nicht zu trennen sind. Sie begn\u00fcgt sich nie mit dem Blick auf das sinnlich Empfundene und Erlittene, sondern macht auch das Unsichtbare zumindest sp\u00fcrbar. Sie erschlie\u00dft die Zwischenr\u00e4ume, sp\u00fcrt das \u201eWei\u00dfe zwischen den Worten\u201c, wie Max Frisch es ausdr\u00fcckte, und die unausgeloteten Tiefen.<\/p>\n<p>Die Seele kann nicht ohne Bilder denken, meinte Aristoteles. Anna Mitgutsch erreicht erz\u00e4hlerische Intensit\u00e4t, ohne ihre Gedankenf\u00fclle in Metaphern zu ertr\u00e4nken. Ihre Sprache zu den gro\u00dfen Fragen von Vertrauen, Verantwortung und Schicksal ist nie mystisch aufgeladen, sondern klar. Ihre essayistischen Reflexionen sind ein Angebot: zu Achtsamkeit, zu Nachdenklichkeit, ohne in ein Res\u00fcmee zu m\u00fcnden.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" id=\"irc_mi\" src=\"http:\/\/www.randomhouse.de\/content\/edition\/covervoila\/042_87418_135871_xl.jpg\" alt=\"\" width=\"195\" height=\"312\" \/><\/p>\n<p><span class=\"st\"><em>Anna Mitgutsch<\/em>. Die <em>Welt, die<\/em> R\u00e4tsel bleibt<\/span><\/p>\n<p>Essays, Luchterhand Verlag, M\u00fcnchen 2013<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Literarische Kunstst\u00fccke und eine Ann\u00e4herung an das Unsagbare Anna Mitgutsch: Das Wei\u00dfe zwischen den Worten Die Presse, M\u00e4rz 2014<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[2],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/909"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=909"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/909\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1184,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/909\/revisions\/1184"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=909"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=909"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=909"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}