{"id":92,"date":"2010-11-01T00:00:41","date_gmt":"2010-11-01T00:00:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=92"},"modified":"2015-03-31T15:41:57","modified_gmt":"2015-03-31T15:41:57","slug":"alain-claude-sulzer-zur-falschen-zeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=92","title":{"rendered":"Alain Claude Sulzer: Zur falschen Zeit"},"content":{"rendered":"<p>Emotionale Gefangenschaft<\/p>\n<h3>Alain Claude Sulzer: Zur falschen Zeit<\/h3>\n<p>Der Standard, November 2010<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Eros und Thanatos: Liebe, gescheitert an Feigheit, Verrat, am Unverst\u00e4ndnis von Familie und Gesellschaft: Seit Anbeginn von Dichtung und Literatur ergr\u00fcnden wir so auch eigene Begierden, Abgr\u00fcnde und \u00c4ngste. Alain Claude Sulzer erz\u00e4hlt in Zur falschen Zeit eine &#8211; fast &#8211; klassische Geschichte, allerdings ohne Pathos, vielmehr souver\u00e4n und unaufdringlich.<br \/>\nEine Armbanduhr zeigt Viertel nach sieben. Ein unwichtiges Detail auf einem alten Foto, das jahrelang auf einem Regal steht, bis der halbw\u00fcchsige Ich-Erz\u00e4hler die Uhr n\u00e4her betrachtet, das Bild seines kurz nach seiner Geburt aus dem Leben geschiedenen Vaters aus der Umrahmung l\u00f6st und auf der R\u00fcckseite einen Firmenstempel entdeckt: Andr\u00e9 Gros, Atelier de Photographie, Paris.<\/p>\n<p>Viertel acht, egal ob Fr\u00fch oder Abend: eine un\u00fcbliche Zeit f\u00fcr eine professionelle Atelieraufnahme. Andr\u00e9 ist sein Patenonkel. Die Mutter hat \u00fcber ihn, wie auch \u00fcber den Vater, stets nur ausweichend gesprochen. Dessen Hinterlassenschaften seien bei Umz\u00fcgen verlorengegangen. Was blieb, ist ein Familiengeheimnis, das dem Sohn pl\u00f6tzlich bewusst wird. Aber &#8222;gegen wen k\u00e4mpfen, wo nicht einmal Windm\u00fchlen zu sehen waren?&#8220; Es sind Herbstferien. Die Armbanduhr und die scheinbar falsche Zeit werden zum Ausgangs- und Angelpunkt einer Spurensuche nach Paris.<\/p>\n<p>In atmosph\u00e4rischer Dichte f\u00fchrt Sulzer Fragmente des Erwachsenwerdens von Vater und Sohn zueinander: erst aus der Ich-Perspektive des Siebzehnj\u00e4hrigen, der beim Patenonkel die Armbanduhr findet, aber auch der Neigungen des Boheme-Fotografen gewahr wird, um dann &#8211; etwas abrupt &#8211; in die Perspektive des jungen, k\u00fcnstlerisch ambitionierten Vaters in den fr\u00fchen F\u00fcnfzigerjahren zu wechseln.<\/p>\n<p>In einfachen Worten und wenigen, eindr\u00fccklichen Bildern ohne \u00fcberladene Symbolik f\u00fchrt der Autor zur\u00fcck in eine Schweiz beklemmender Wohlanst\u00e4ndigkeit, wo &#8222;daf\u00fcr&#8220;, f\u00fcr Emils aufkeimende Regungen nicht einmal gedanklich Platz ist. Emil begibt sich, halb freiwillig, in psychiatrische Behandlung, um &#8222;davon&#8220; geheilt zu werden. Die schockierten Eltern schweben in der Hoffnung, dass mit klinischer Umerziehung, aber auch durch Verschweigen das Unaussprechliche verschwindet: die Homosexualit\u00e4t, die zwar schon seit 1942 in der Schweiz nicht mehr strafbar, aber weiter ge\u00e4chtet ist. Ein braves Nachbarland, das seine Jugend von m\u00f6rderischen Ideologien verschonte; wo nur mancher Normabweichler in Ausweglosigkeit erstickte.<\/p>\n<p>&#8222;Er war kein Feigling&#8220;, so Andr\u00e9 in Paris zu Emils Sohn, &#8222;er blickte weder nach links noch nach rechts. Er war unversehens genau dort hineingeschlittert, wo sie ihn haben wollten. In eine b\u00fcrgerliche Existenz&#8220; als Lehrer, in der er sein eigener Aufpasser geworden war. Bis Emil die Leidenschaft zu Sebastian, einen noch j\u00fcngeren Kollegen, packt. Er versucht ein qualvolles Doppelleben, mit Frau und einem Neugeborenen, und erleidet am Milieu Schiffbruch, an der Erpressung durch Sebastians Mutter.<\/p>\n<p>Aber er zerbricht nicht zuletzt auch an Entschlusslosigkeit, an der &#8222;eigenen Unzul\u00e4nglichkeit&#8220;, wie er resignierend wei\u00df. Das unerbittlich schwere Pendel der Selbstzweifel kommt im Doppelselbstmord mit dem Geliebten zum Stillstand. Nur die Armbanduhr, Symbol der lange eingefrorenen falschen Zeit, kommt als Schweizer Pr\u00e4zisionswerk nach 17 Jahren Bewegungslosigkeit bei Emils Sohn wieder in Gang.<\/p>\n<p>Bei aller N\u00e4he zu den Handelnden, vielmehr den Personen, mit denen etwas geschieht, sind diese weder durchpsychologisiert, noch werden sie in provinzieller Unbedarftheit entlarvt. Der Leser muss manche Charakterbilder selbst vervollst\u00e4ndigen.<\/p>\n<p>In der Beschreibung von dem, was ist und nicht sein darf, ist Sulzer ein Meister leiser T\u00f6ne. Seine Erz\u00e4hlweise wirkt stellenweise altmodisch, doch sie f\u00e4ngt die Atmosph\u00e4re umso beklemmender ein. Sulzer f\u00fchrt einmal mehr ins Innenleben unseres Nachbarlandes, denunziert aber nicht spekulativ spie\u00dfigen Mief, dramatisiert keine in Gewalt kippende Leidenschaft, nicht einmal einen Skandal an der Kleinstadtschule mit ihrem Anstand, der uns heute kaum mehr zug\u00e4nglich erscheint: eine Sexualmoral und Unfreiheit, die an exotische R\u00e4nder unserer medialen Wahrnehmung ger\u00fcckt sind. Sulzers subtile Beobachtungen kleinster Handlungen im Sog der Unausweichlichkeit zeigen ein Feingef\u00fchl, das den Autor auch als Juror beim j\u00e4hrlichen Klagenfurter Wettlesen auszeichnet.<\/p>\n<p>F\u00fcr den Roman Ein perfekter Kellner erhielt er 2008 den Schillerpreis und den franz\u00f6sischen Prix M\u00e9dicis \u00e9tranger. Er entwickle &#8222;ein bewegtes Seelendrama, das bis in die feinsten Ver\u00e4stelungen behutsam ausgeleuchtet wird&#8220;, hie\u00df es in der Begr\u00fcndung des Hermann-Hesse-Preises 2009 f\u00fcr Privatstunden. Auch Sulzers nunmehr neuntes Buch hat nie die suggestive Vordergr\u00fcndigkeit eines Lehrst\u00fccks \u00fcber die Unerbittlichkeit einer engstirnigen Gesellschaft. Vielmehr unaufdringlich schleichen sich im Leser Fragen ein, wie er oder sie sich &#8211; &#8222;zur falschen Zeit&#8220; &#8211; wohl selbst verhalten h\u00e4tte.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" id=\"irc_mi\" class=\"\" src=\"http:\/\/www.galiani.de\/files\/sulzer_-_zur_falschen_zeit.jpg\" alt=\"\" width=\"152\" height=\"248\" \/><\/p>\n<p>Alain Claude Sulzer<\/p>\n<p>Zur falschen Zeit<\/p>\n<p>Galiani Verlag Berlin 2010<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Emotionale Gefangenschaft Alain Claude Sulzer: Zur falschen Zeit Der Standard, November 2010<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[2],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/92"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=92"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/92\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1178,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/92\/revisions\/1178"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=92"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=92"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=92"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}