{"id":923,"date":"2009-12-01T00:00:00","date_gmt":"2009-12-01T00:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=923"},"modified":"2015-04-21T16:36:08","modified_gmt":"2015-04-21T16:36:08","slug":"vietnam-mon-amour-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=923","title":{"rendered":"Vietnam mon amour"},"content":{"rendered":"<p>1954 verlor Frankreich seine \u201ePerle in Fernost\u201c<\/p>\n<h3>Vietnam mon Amour<\/h3>\n<p>Die Liebe blieb letztlich unerwidert. Auch 35 000 Deutsche und \u00d6sterreicher k\u00e4mpften damals in Vietnam.<\/p>\n<p>Wiener Zeitung, April 2014<!--more--><\/p>\n<p><strong>35 000 Deutschsprachige k\u00e4mpften in Indochina. Einige aus \u00dcberzeugung wie der Wiener Viet Minh-Oberst Ernst Frey, die meisten aber als S\u00f6ldner der Fremdenlegion<\/strong><\/p>\n<p>Die Region zu jener Zeit liegt im Schatten unserer Wahrnehmung: Vietnam Ende der 1940er, Anfang der 50er Jahre. Wir erinnern uns an Indiens Unabh\u00e4ngigkeit, die kommunistische Macht\u00fcbernahme in Peking, oder den Koreakrieg. Deutschland und \u00d6sterreich waren damals mit sich, dem Nachkriegselend, der Teilung besch\u00e4ftigt. Viele Junge wollten raus. Die Fremdenlegion warb f\u00fcr den Kampf des gedem\u00fctigten Frankreich <a href=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/Frankreichs-unerwiderte-Liebe-zu-Indochina-2.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright  wp-image-924\" src=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/Frankreichs-unerwiderte-Liebe-zu-Indochina-2-300x215.jpg\" alt=\"Frankreichs unerwiderte Liebe zu Indochina 2\" width=\"434\" height=\"311\" srcset=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/Frankreichs-unerwiderte-Liebe-zu-Indochina-2-300x215.jpg 300w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/Frankreichs-unerwiderte-Liebe-zu-Indochina-2-1024x735.jpg 1024w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/Frankreichs-unerwiderte-Liebe-zu-Indochina-2.jpg 1136w\" sizes=\"(max-width: 434px) 100vw, 434px\" \/><\/a>zur Wiedererlangung seiner kolonialen Perle in Fernost. Annam, Tonking, Cochinchina wurden zu klingenden Synonymen f\u00fcr Abenteuer. Die lasterhafte Vorstellung von weiblichen orientalischen Sch\u00f6nheiten und billigem Opium lie\u00df die Kolonie in sanftem Licht erstrahlen und hatte nicht nur f\u00fcr Dichter, sondern auch auf verkrachte Existenzen eine Verf\u00fchrungskraft. Das Fernweh mit der Aussicht auf Reichtum erinnerte an europ\u00e4ische Landsknechte, die sich nach dem Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg im Sold diverser bewaffneter Handelskompanien nach Ostindien einschifften.<\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier New,monospace;\">I<\/span>n Westeuropa war nach 1945 nicht von Sehns\u00fcchten und Tr\u00e4umen die Rede, sondern bald von in der Legion versteckten Nazi-Schergen. Neben einigen Mitgliedern der Waffen-SS, die tats\u00e4chlich in die Anonymit\u00e4t der \u201eArmee der Namenlosen\u201c abtauchten, gab es jede Menge Fl\u00fcchtlinge und sonst wie Entwurzelte. Bei aller \u2013 unerwiderter \u2013 Liebe Frankreichs zu seiner exotischen, in Filmen sp\u00e4ter mystifizierten Kolonie Indochine: Die Bereitschaft junger Franzosen war denkbar gering, wieder in einen &#8211; diesmal neun Jahre dauernden &#8211; Krieg zu ziehen. Als Osteuropa hinter dem eisernen Vorhang verschwand, wurde das besetzte Deutschland zur Hauptquelle von S\u00f6ldnern. Auch etliche \u00d6sterreicher heuerten an. Das fr\u00fcher recht ausgewogene Verh\u00e4ltnis von Nationalit\u00e4ten in der Legion \u2013 nie mehr als 20% einer Sprachgruppe \u2013 wurde rasch vergessen. Deutschsprachige Kombattanten erreichten einen Anteil von 40%, zum H\u00f6hepunkt der K\u00e4mpfe gegen die Viet Minh in einigen Einheiten sogar 60%.<\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier New,monospace;\"><a href=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/Frankreichs-unerwiderte-Liebe-zu-Indochina-1-sw.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright  wp-image-925\" src=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/Frankreichs-unerwiderte-Liebe-zu-Indochina-1-sw-300x211.jpg\" alt=\"Frankreichs unerwiderte Liebe zu Indochina 1 sw\" width=\"425\" height=\"299\" srcset=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/Frankreichs-unerwiderte-Liebe-zu-Indochina-1-sw-300x211.jpg 300w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/Frankreichs-unerwiderte-Liebe-zu-Indochina-1-sw-1024x721.jpg 1024w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/Frankreichs-unerwiderte-Liebe-zu-Indochina-1-sw.jpg 1136w\" sizes=\"(max-width: 425px) 100vw, 425px\" \/><\/a><\/span>Vereinzelt lie\u00dfen sich auch junge Wehrmachtssoldaten anwerben, die wenig mehr als K\u00e4mpfen gelernt hatten und der Trostlosigkeit in Deutschland entkommen wollten. Doch oft suchten orientierungslose Halbw\u00fcchsige, so manche noch mit Hitlerjugend-Drill und Helden-Wertvorstellungen beladen, die aber den 2. Weltkrieg nur aus glorifizierten Erz\u00e4hlungen kannten, nach Kameradschaft und Legion\u00e4rsromantik. Minderj\u00e4hrige Vagabunden wurden weitab von Kolonialvillen, Teakholz und Ventilatoren zum Werkzeug des Kolonialkrieges bei so genannten &#8222;Polizeioperationen&#8220;, bei grausamen Vergeltungsaktionen. Um die Verteidigung von Menschenrechten der franz\u00f6sischen Republik oder andere hehre Ideale ging es kaum.<\/p>\n<p>Die Disziplin lie\u00df zu w\u00fcnschen \u00fcbrig. Bei Personenkontrollen wurde gestohlen, Ausr\u00fcstung inklusive Waffen und Munition wurde am Schwarzmarkt verschoben. Kaum einer lebte allein vom Sold. Pers\u00f6nliche einheimische Angestellte \u00fcbernahmen unerquickliche Arbeiten in der Garnison, und f\u00fcr sexuelle Dienste gab es &#8211; anders als etwa sp\u00e4ter in Algerien &#8211; keinen Mangel an Frauen. Ein erheblicher Teil der Legion\u00e4re ging eine Ehe auf Zeit mit einer Vietnamesin ein.<\/p>\n<p>Die Heldenlegenden wurden in Dien Bien Phu zur Geschichte einer vernichtenden Niederlage. Die deutsche Presse schrieb vom \u201eStalingrad Frankreichs und der Fremdenlegion\u201c. Die Deutschen seien \u201ezum Sterben angetreten wie in einer mythischen Gotenschlacht&#8220;, meinte der damalige Fallschirmj\u00e4ger und sp\u00e4tere Journalist Peter Scholl-Latour etwas sarkastisch. Alice Ekert-Rotholz hat den deutschen Toten und \u00dcberlebenden mit der \u201eFlucht aus den Bambusg\u00e4rten\u201c ein literarisches Denkmal gesetzt.<\/p>\n<p>Auch auf der Gegenseite gab es Deutschsprachige. Mehr als 1000 Legion\u00e4re desertierten und liefen zu H\u1ed3 Ch\u00ed Minhs K\u00e4mpfern \u00fcber. Einige Intellektuelle und Linke hatten sich schon vorher aus \u00dcberzeugung den Vietnamesen angeschlossen. Einer, der in den Viet-Minh-Truppen Karriere machte, war der Wiener Ernst Frey. 1915 geboren, floh er als Kommunist und Jude nach dem Anschluss nach Frankreich. Er wollte zu den internationalen Brigaden nach Spanien und heuerte dann bei der Fremdenlegion an, um gegen Hitler zu k\u00e4mpfen. Wie andere Brigadisten, die mit Francos Sieg nach Frankreich entkommen waren und dort in Internierungslagern gefangen gehalten wurden, landete er via Algerien 1942 als Legion\u00e4r Nummer 78.502 in Indochina. Bald gr\u00fcndete er eine \u201eanti-petainistische\u201c Zelle und nahm Kontakt mit vietnamesischen Genossen auf. Von japanischen Truppen gefangen genommen, kehrte der \u201ehalb verhungerte und schmutzige Kriegsgefangene\u201c nach der Befreiung 1945 nicht nach Wien zur\u00fcck. Stattdessen verbreitete er die Nachricht seines Todes und trat sozusagen zur Geburtsstunde des modernen Vietnam in den Dienst H\u1ed3 Ch\u00ed Minhs. Als Nguyen Dan wurde er Ausbildner f\u00fcr milit\u00e4rische Organisation, Taktik und Strategie, und bald als Oberst der Viet Minh Vertrauter des legend\u00e4ren Generals V\u00f5 Nguy\u00ean Gi\u00e1p.<\/p>\n<p>Nach vier Jahren Kampf wird Frey von Fieberattacken \u00fcberrollt. Albtr\u00e4ume qu\u00e4len ihn, die Folterungen von Abweichlern durch seine Genossen und seine eigene Verantwortung, etwa f\u00fcr die Exekution von deutschen Deserteuren aus der Truppe, von vermeintlichen Verr\u00e4tern. \u201eIch wollte keine Macht mehr haben. Ich wollte nicht mehr leben\u201c, schreibt Frey Jahrzehnte sp\u00e4ter in seinen Erinnerungen. Er ist damals 31 und versucht, sich mit einer Handgranate das Leben zu nehmen. Nach einem fiebrigen \u201eGotteserlebnis&#8220; konvertiert der bis dahin \u00fcberzeugte Atheist zum Katholizismus. Beim Parteitag der KP Indochinas im Februar 1950 mitten im Urwald entsetzen ihn die \u00fcbergro\u00dfen Portraits von H\u1ed3 Ch\u00ed Minh, von Stalin und Mao. Die roten Revolutionsfahnen mit dem gelben Stern verschwimmen ihm pl\u00f6tzlich mit der roten Hakenkreuzfahne. Frey tritt ans Rednerpult, redet auf die Genossen ein, den Kampf nicht zu glorifizieren, spricht vom Frieden.<\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier New,monospace;\"><a href=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/Vietnams-Soldaten-blieben-letztlich-siegreich-2.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright  wp-image-926\" src=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/Vietnams-Soldaten-blieben-letztlich-siegreich-2-300x206.jpg\" alt=\"Vietnams Soldaten blieben letztlich siegreich 2\" width=\"443\" height=\"304\" srcset=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/Vietnams-Soldaten-blieben-letztlich-siegreich-2-300x206.jpg 300w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/Vietnams-Soldaten-blieben-letztlich-siegreich-2-1024x705.jpg 1024w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/Vietnams-Soldaten-blieben-letztlich-siegreich-2.jpg 1184w\" sizes=\"(max-width: 443px) 100vw, 443px\" \/><\/a><\/span>Der Krieg der Vietnamesen gegen die haupts\u00e4chlich von Fremdenlegion\u00e4ren getragene und nun zunehmend von den USA unterst\u00fctzte Kolonialmacht Frankreich ging indes unvermindert weiter. In der Endschlacht um die Festung bzw. vielmehr um den Kessel von Dien Bien Phu im Fr\u00fchjahr 1954 k\u00e4mpften sich General Gi\u00e1ps Soldaten an die franz\u00f6sischen Stellungen heran, und der Els\u00e4sser Viet Minh-Propagandaoffizier Erwin Borchers forderte die S\u00f6ldner per Lautsprecher auch auf Deutsch zur Desertion auf. Gesch\u00e4tzte 8000 der etwa 35 000 Deutschen Legion\u00e4re in Indochina \u00fcberlebten nicht. Nach Kriegsende kamen 800 \u00fcberlebende deutsche \u00dcberl\u00e4ufer via China und Moskau zur\u00fcck nach Europa.<\/p>\n<p>Erich Frey war schon vorher zusammen mit Georg W\u00e4chter, einem anderen \u00d6sterreicher bei den Viet Minh, auf diesem Weg nach Hause gefahren. Erst da erfuhr er vom Schicksal seiner Eltern &#8211; ihrer Ermordung im KZ. Der fr\u00fchere Kommunist und nunmehrige Christ wurde Antimilitarist, Antikommunist. Sp\u00e4ter unterst\u00fctzte er Amnesty International, und Wehrdienstverweigerer vor der Zivildienstkommission. Er s\u00f6hnte sich mit seinem einstigen Mentor aus, dem im Herbst 2013 verstorbenen General Gi\u00e1p, und schrieb ihm, Vietnam sei seine Heimat, die er 1950 verloren habe: \u201eEs war auch das einzige Land, f\u00fcr das ich bereit gewesen w\u00e4re, mein Blut zu vergie\u00dfen.\u201c 1980 erhielt Frey den H\u1ed3 Ch\u00ed -Minh-Orden f\u00fcr seine Verdienste.<\/p>\n<p>Er schrieb seine Erinnerungen nieder und versuchte bis zu seinem Tode vergeblich, einen Verlag zu finden. \u201eSchaut&#8217;s, dass das Buch herauskommt\u201c, war das Verm\u00e4chtnis an seine beiden T\u00f6chter. Die Historikerin Doris Sottopietra hat das 1200 Seiten-Manuskript zu einem schillernden Zeitdokument verdichtet. Ernst Frey ist vor 20 Jahren, im J\u00e4nner 1994 verstorben. Der Czernin Verlag hat die Memoiren k\u00fcrzlich neu aufgelegt.\u00a0Vietnam, mon amour ist der romantische Titel, wohl an das Drehbuch der in Saigon geborenen Marguerite Duras zu Alain Resnais&#8216; Filmklassiker Hiroshima, mon amour angelegt.<\/p>\n<p>Auch wenn der Krieg in Vietnam, der hier bald der \u201eamerikanische\u201c genannt wurde, weiterging: Arabische und algerische Soldaten trugen die selbst erlebte M\u00f6glichkeit, die Freiheit gegen scheinbar \u00fcberlegene Kolonialherren zu erk\u00e4mpfen, zur\u00fcck in ihre Heimatl\u00e4nder. Wenige Monate nach der Kapitulation von Dien Bien Phu ging im November 1954 die algerische FLN in die Offensive.<\/p>\n<p>Freiwilligen Kombattanten wird im manchmal verkl\u00e4rten R\u00fcckblick wenn nicht Bewunderung, so doch Respekt gezollt, seien es einst Brigadisten in Spanien gewesen, oder Revolution\u00e4re in Vietnam wie Ernst Frey. Doch nicht alle k\u00e4mpften schon damals f\u00fcr Demokratie oder eine Art von Freiheit, wie wir sie verstehen. Auch wenn es gegen einen ausgewiesenen Diktator gehen mag: Heute verschaffen uns Kombattanten aus Europa in einem Jihad ein zumindest mulmiges Gef\u00fchl. Gesch\u00e4tzte 2000 EU-B\u00fcrger k\u00e4mpfen 2014 in syrischen Milizen, davon ein paar Dutzend aus \u00d6sterreich. Die meisten haben einen Familienhintergrund aus dem Nahen Osten oder dem Maghreb; etliche sind Konvertiten.<\/p>\n<p>S\u00f6ldner, K\u00e4mpfer gegen Bezahlung waren quer durch die Geschichte wenig geachtet. Mit der Abschaffung der allgemeinen Wehrpflicht und der Aufstellung von Berufsarmeen beginnen die Grenzen wieder zu verschwimmen. F\u00fcr ihren Bedarf im Irak- und Afghanistan-Krieg \u00fcbernahmen die USA das Legion\u00e4rsmodell und rekrutierten mittels Green-Card-Angeboten arme Lateinamerikaner. L\u00e4ngst aber machen moderne \u201eSicherheitsfirmen\u201c &#8211; Stichwort Blackwater \u2013 den einstigen Legion\u00e4ren im Berufsfeld k\u00e4ufliche Gewalt Konkurrenz.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1954 verlor Frankreich seine \u201ePerle in Fernost\u201c Vietnam mon Amour Die Liebe blieb letztlich unerwidert. Auch 35 000 Deutsche und \u00d6sterreicher k\u00e4mpften damals in Vietnam. 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