{"id":935,"date":"2018-09-06T14:59:37","date_gmt":"2018-09-06T14:59:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=935"},"modified":"2021-05-08T22:56:24","modified_gmt":"2021-05-08T22:56:24","slug":"eine-doppelte-metamorphose","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=935","title":{"rendered":"Eine doppelte Metamorphose"},"content":{"rendered":"<p>Der von Luftwurzlern versp\u00fcrte Mangel an Zugeh\u00f6rigkeit<\/p>\n<h3>Die neue Weltliteratur und ihre gro\u00dfen Erz\u00e4hler<\/h3>\n<p>Sigrid L\u00f6fflers Anthologie einer neuen, hybriden Weltliteratur im Spannungsfeld zweier oder mehrerer Kulturen<\/p>\n<p>Der Standard, August 2014<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Der Leipziger Buchpreis 2014 ging an den Inder Pankaj Mishra. Polemisch gei\u00dfelte er in seiner Rede Europas &#8222;Anspr\u00fcche auf moralische, geistige und politische \u00dcberlegenheit&#8220;. Obwohl die Definition von Weltliteratur noch immer hier getroffen wird: Bei der Verleihung namhafter Preise sind Autoren mit transnationaler Identit\u00e4t schon eher Regel denn Ausnahme. Nichts ist in aufgekl\u00e4rten Kreisen moderner, als nicht eurozentristisch zu sein, sondern kosmopolitisch zu denken. Migranten sind zu Leitfiguren des Literaturbetriebs geworden.<br \/>\nGanz neu ist das nicht. Einst wanderten die Werke, dann die Autoren, manche aus freien St\u00fccken wie Goethe, der den Begriff Weltliteratur pr\u00e4gte, immer mehr aber unfreiwillig. Sigrid L\u00f6ffler, Grande Dame der deutschsprachigen Kritik und Gr\u00fcnderin der Zeitschrift &#8222;Literaturen&#8220; &#8211; bewusst im Plural -, f\u00fchrt uns mit der <em>Neuen Weltliteratur<\/em> und deren gro\u00dfen Erz\u00e4hlern in Weltgegenden, die kaum Sehnsuchtsorte sind. Das einstige britische Empire dient als Erl\u00e4uterungsmodell f\u00fcr Zerfall und Migration.<\/p>\n<p>L\u00f6ffler beginnt ihre Zeitreise durch 60 Jahre Entkolonisierung, Transkulturation, Kreolisierung, Verzweiflung und Erfolg in London, Europas multi-ethnischste Stadt. Seit 1948 per Schiff 500 Gastarbeiter aus Jamaika ankamen, folgten rasch Inder und Pakistani, sp\u00e4ter Afrikaner. F\u00fcr Zuwanderer wie V.S. Naipaul oder Michael Ondaatje wurde nicht unbedingt Entbehrung zur Produktivkraft, eher Melancholie: der von Luftwurzlern versp\u00fcrte Mangel an Zugeh\u00f6rigkeit.<\/p>\n<p>L\u00f6ffler skizziert die Lebensl\u00e4ufe und -br\u00fcche jener Pioniere einer &#8222;hybriden&#8220; Literatur im Spannungsverh\u00e4ltnis zweier oder mehrerer Kulturen, die heute arriviert und zum Teil Nobelpreistr\u00e4ger sind, aber auch viele neue. Notgedrungen musste sie auf &#8222;exemplarische Autoren&#8220; eingrenzen oder auf solche, die f\u00fcr sie auch \u00e4sthetisch interessant sind. In ihrer Anthologie setzt sie deren Werke in den Kontext globaler Entwicklungen. Es sind Geschichten vom \u00dcberleben, von Flucht oder Auswandern und vom Ankommen der Getriebenen in den &#8222;arrival cities&#8220; London, New York, Toronto, aber auch Bombay, Paris oder Berlin.<\/p>\n<p>Die erste Autorengeneration hat sich am Aufeinandertreffen von West und Ost, Nord und S\u00fcd abgearbeitet, die zweite hat schon neue, globale Kulturkonflikte vorausgeahnt. The Empire Writes Back with a Vengeance schrieb Salman Rushdie 1982. Eine j\u00fcngere Generation \u00fcbt nicht mehr den antikolonialen Befreiungsgestus, sondern geht selbstkritisch in die widerspr\u00fcchliche Gegenwart, wie etwa der Somalier Nuruddin Farah oder der Nigerianer Helon Habila in seinem beklemmenden Nigerdelta-Roman \u00d6l auf Wasser.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/DSC03238.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright  wp-image-1200\" src=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/DSC03238-1024x768.jpg\" alt=\"DSC03238\" width=\"573\" height=\"429\" srcset=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/DSC03238-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/DSC03238-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/DSC03238.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 573px) 100vw, 573px\" \/><\/a>Diese Autoren schreiben von Hunger, Folter und Gier in gescheiterten Staaten. &#8222;Je korrupter eine Gesellschaft, desto \u00fcppiger und besser ist oft die Literatur. Sie hat gen\u00fcgend Erz\u00e4hlstoff&#8220;, meint L\u00f6ffler. Sch\u00f6pft die neue Weltliteratur ihre Dringlichkeit aus B\u00fcrgerkriegen und Elend? Es sind nicht nur hoffnungslose Geschichten. Dahinter steckt f\u00fcr L\u00f6ffler auch Utopie, die \u00dcberwindung der Verwerfungen zwischen Religion, Tradition und Moderne.<\/p>\n<p>Zuwanderer m\u00fcssen erz\u00e4hlen. Sie \u00fcbernehmen literarische Formen des Westens und ver\u00e4ndern den Kanon mit ihren Themen und Bildern. Es ist eine doppelte Metamorphose: Mit dem Kultur- und oft auch Sprachwechsel wird das Autoren-Ich heterogen, aber auch die Einwanderungsl\u00e4nder und ihre Definitionsmacht \u00e4ndern sich. Immer mehr Werke werden in renommierten Magazinen wie der New York Review of Books besprochen.<\/p>\n<p>Egal ob Armutsmigranten oder j\u00fcngere Autoren, die mit ihrer Elitemobilit\u00e4t souver\u00e4n \u00fcber transnationale Lebensl\u00e4ufe und Identit\u00e4ten verf\u00fcgen: Alle sind sie Grenzg\u00e4nger &#8222;lost in transnation&#8220;. F\u00fcr letztere Gruppe hat die ghanaisch-nigerianische Autorin Taiye Selasi den Begriff Afropoliten gepr\u00e4gt. Diese treten in Talkshows eloquent als hippe Weltafrikaner auf, greifen aber am Flughafen-Einreiseschalter gerne zum EU-Pass.<\/p>\n<p>Zerfalls- und B\u00fcrgerkriegsgeschichten, wo V\u00f6lker aufeinanderschlagen, liegen nicht nur in der Ferne: Gegen Ende kommt L\u00f6ffler wieder nach Europa, am Beispiel des US-Bosniers Aleksandar Hemon zu Belagerungsgeschichten von Sarajevo und den Kriegsverheerungen der Seele. Unter den gut 50 skizzierten Autoren hat L\u00f6ffler auch einige auf Deutsch schreibende gestreift, etwa Irena Brezn\u00e1, die mit der Undankbaren Fremden in brillantem Furor \u00fcber Ankommen, Anpassung und Widerrede einem saturiert-friedlichen Land wie der Schweiz den Spiegel vorh\u00e4lt.<\/p>\n<p>Unterschiedlichste Sprachfl\u00fcsse m\u00fcnden in L\u00f6fflers Betrachtungen. Man mag der Essayistin vorwerfen, dass ihre Auswahl englischlastig ist. Englisch ist f\u00fcr die studierte Anglistin eine besonders demokratische Sprache. London oder New York sind Magneten f\u00fcr Migranten aller Herren L\u00e4nder. Anerkennung dort \u00f6ffnet die Tore zu globalem Erfolg. Zahllose arabische oder portugiesischsprachige Autoren Afrikas wurden ebenso wenig erw\u00e4hnt wie viele franz\u00f6sischsprachige: Dazu gibt der Afroromanist J\u00e1nos Riesz im k\u00fcrzlich erschienenen<em> S\u00fcdlich der Sahara<\/em> einen \u00dcberblick. Und Lateinamerikas Wortmagie wird l\u00e4ngst als Teil der Weltliteratur wahrgenommen.<\/p>\n<p>Der Titel <em>Die Neue Weltliteratur<\/em> klingt etwas bombastisch. Es ist kein Lexikon, aber eine kluge Orientierungshilfe und ein inspirierender Essayband.<\/p>\n<p>DER STANDARD, 9.\/10.8.2014<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/derstandard.at\/2000004143500\/Eine-doppelte-Metamorphose\">http:\/\/derstandard.at\/2000004143500\/Eine-doppelte-Metamorphose<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" id=\"ctl00_ctl00__pageContentPlaceHolder__contentPlaceHolder__coverImage\" class=\"\" src=\"http:\/\/www.chbeck.de\/productimages\/rsw\/images\/products\/9783406653513_large.jpg\" alt=\"Cover des Buches 'Die neue Weltliteratur'\" width=\"169\" height=\"270\" \/>Sigrid L\u00f6ffler, &#8222;Die neue Weltliteratur und ihre gro\u00dfen Erz\u00e4hler&#8220;,\u00a0 344 Seiten. CH.Beck, M\u00fcnchen 2014<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"\" src=\"https:\/\/media1.jpc.de\/image\/w220\/front\/0\/9783860572993.jpg\" alt=\"J\u00e1nos Riesz: S\u00fcdlich der Sahara, Buch\" width=\"171\" height=\"257\" data-src=\"https:\/\/media1.jpc.de\/image\/w|vw|\/front\/0\/9783860572993.jpg\" data-std-width=\"220\" data-mobile-max-width=\"468\" data-max-win-width=\"979\" \/>J\u00e1nos Riesz, &#8222;S\u00fcdlich der Sahara&#8220;, Afrikanische Literatur in franz\u00f6sischer Sprache, 466 Seiten, Stauffenburg Verlag 2013<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Pankaj Mishras Dankrede zur Verleihung des Leipziger Buchpreises zur Europ\u00e4ischen Verst\u00e4ndigung im Leipziger Gewandhaus am 12. M\u00e4rz 2014:<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/derstandard.at\/2000004143500\/Eine-doppelte-Metamorphose\">http:\/\/www.leipzig.de\/fileadmin\/mediendatenbank\/leipzig-de\/Stadt\/02.4_Dez4_Kultur\/41_Kulturamt\/Literatur_und_Buchkunst\/LBEV\/2014_pankaj__mishra_dankesrede.pdf<\/a><\/p>\n<p>Taiye Selasi, Diese Dinge geschehen nicht einfach so<br \/>\nRoman, Verlag S. Fischer 2013<br \/>\nAus dem Englischen von Adelheid Z\u00f6fel<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/derstandard.at\/2000004143500\/Eine-doppelte-Metamorphose\">http:\/\/www.fischerverlage.de\/buch\/diese_dinge_geschehen_nicht_einfach_so\/9783100725257<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der von Luftwurzlern versp\u00fcrte Mangel an Zugeh\u00f6rigkeit Die neue Weltliteratur und ihre gro\u00dfen Erz\u00e4hler Sigrid L\u00f6fflers Anthologie einer neuen, hybriden Weltliteratur im Spannungsfeld zweier oder mehrerer Kulturen Der Standard, August 2014<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[2],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/935"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=935"}],"version-history":[{"count":17,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/935\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1808,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/935\/revisions\/1808"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=935"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=935"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=935"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}