{"id":958,"date":"2014-07-06T15:59:54","date_gmt":"2014-07-06T15:59:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=958"},"modified":"2014-10-29T14:28:46","modified_gmt":"2014-10-29T14:28:46","slug":"nona-fernandez","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=958","title":{"rendered":"Nona Fern\u00e1ndez"},"content":{"rendered":"<p>Die W\u00e4nde des Himmels<\/p>\n<h3>Nona Fern\u00e1ndez: Der Himmel &amp; Die Toten im tr\u00fcben Wasser des Mapocho<\/h3>\n<p>Wiener Zeitung, Juli 2014<!--more--><\/p>\n<p><strong>Die Chilenin mischt die grimmige Geschichte ihres Landes mit Tr\u00e4umen &amp; Traumata. Sie erz\u00e4hlt bildstark und schn\u00f6rkellos von Liebe und Selbstt\u00e4uschung<\/strong><\/p>\n<p id=\"absatz1\" class=\"em_text\">Eine Generation lateinamerikanischer Autoren l\u00f6st sich aus dem Schatten von \u00dcberv\u00e4tern wie Julio Cort\u00e1zar, dessen Geburtstag sich diesen August zum 100. Mal j\u00e4hrt, oder des k\u00fcrzlich verstorbenen Gabriel Garc\u00eda M\u00e1rquez, und sucht ihren stilistischen wie thematischen Platz. Umgekehrt fahnden Verlage nach einem neuen Roberto Bola\u00f1o. Der chilenische Schriftsteller hatte vor seinem fr\u00fchen Tod noch eine junge Landsm\u00e4nnin mit den Worten &#8222;Diese schn\u00f6rkellose Ma\u00dflosigkeit, dieser Mut!&#8220; gepriesen: Nona Fern\u00e1ndez ist eine der heute Vierzigj\u00e4hrigen, die auf ihre Eltern und die Zeiten der Diktatur zur\u00fcckblicken, wobei sie Letztere nur in ihren Auswirkungen auf Familie und Gesellschaft erlebt haben.<\/p>\n<p class=\"em_text\">In ihrem ersten Roman, &#8222;Die Toten im tr\u00fcben Wasser des Mapocho&#8220;, mischte Fern\u00e1ndez Schnipsel der grimmigen Geschichte des Landes von der Eroberung bis zur Milit\u00e4rherrschaft mit fantastischen Erinnerungen zwischen Wahrheit und L\u00fcge, mit Tr\u00e4umen und Familientraumata vom Verschwinden, von Inzest und Selbstverst\u00fcmmelung. Das alles erst aus der Perspektive einer jungen Toten in einem Sarg, der im Fluss durch Chiles Hauptstadt treibt, und dann als vielstimmige Befragung zwischen Wahn und Wirklichkeit. Fern\u00e1ndez schrieb diesen &#8211; im doppelten Sinn &#8211; phantastischen Roman in Barce-lona, als ob sie die Distanz zum Schauplatz brauchte.<\/p>\n<p class=\"em_text\">Das Umschlagbild des heuer erschienenen Erz\u00e4hlbandes &#8222;Der Himmel&#8220; indes zeigt den Unterleib einer jungen Frau in zerrissenen Str\u00fcmpfen. H\u00e4nde und Beine umklammern eine Flasche. Der titelgebende Himmel ist nichts als der Splitter eines Spiegelbilds in der Gossenpf\u00fctze. Der Umschlagentwurf ist Programm: Die Figuren aller sieben Erz\u00e4hlungen sind kaum ihres eigenen Gl\u00fcckes Schmied, sondern haben eine Tendenz zur Selbstzerst\u00f6rung: In &#8222;Blanca&#8220;, noch eine der vers\u00f6hnlicheren Geschichten, geht die in die Heimatstadt zur\u00fcckgekehrte Protagonistin nach dem Tod ihrer Gro\u00dfmutter in deren altem Mantel abends aus dem Haus &#8211; und begegnet der Jugendliebe ihrer Oma. Die Vers\u00f6hnung des Greises mit der vermeintlichen Geliebten beruht auf einem Irrtum, in dem ihn die Enkelin bel\u00e4sst.<\/p>\n<p class=\"em_text\">Fern\u00e1ndez erz\u00e4hlt abgr\u00fcndige Geschichten von Erinnerungen, Liebe und Selbstt\u00e4uschung, von sozialem und gesundheitlichem Abstieg. &#8222;Das Blut flie\u00dft s\u00e4mig und z\u00e4h&#8220;: In kurzen S\u00e4tzen, die zwischen Unmittelbarkeit, Lakonie und Poesie changieren, wird der Leser in eine \u00c4sthetik allgegenw\u00e4rtigen Verfalls gezogen. Die Autorin f\u00fcllt die Abgr\u00fcnde nicht auf. Es geht um den Umgang mit Vergangenheit, doch keine der Erz\u00e4hlungen ist vordergr\u00fcndig politisch, und selbst die widerst\u00e4ndigsten Figuren sind fern jeglicher Utopie.<\/p>\n<p class=\"em_text\">1945 holte Gabriela Mistral als erste Lateinamerikanerin den Literaturnobelpreis nach Chile. 1971 folgte Pablo Neruda, der &#8222;Dichter der verletzten Menschenw\u00fcrde&#8220;, wie die Stockholmer Akademie begr\u00fcndete. Wenn es stimmt, dass, je kaputter eine Gesellschaft ist, desto spannender die Literatur sei, dann haben der Nahe Osten, Somalia oder Pakistan Lateinamerika als Krisenregionen am Rande des Kollapses abgel\u00f6st.<\/p>\n<p class=\"em_text\">Fern\u00e1ndez sieht sich weit weg vom magischen Realismus, eher in der Tradition eines Jorge Luis Borges, doch ist ihr Schreiben keiner literarischen Str\u00f6mung zuordenbar. Sie war Schauspielerin, ist Dramaturgin und &#8211; zwecks Existenzsicherung &#8211; erfolgreiche Fernseh-Drehbuchautorin, was in knappen Dialogen durchschimmert. Das Ergebnis ist eine ungemein visuelle Pr\u00e4senz der psychologisch sparsam skizzierten Figuren. Somnambule Passagen wechseln mit solchen gro\u00dfer Klarheit. Abgesehen von bisweilen ironisch \u00fcberzeichneter Tristesse sind Paarungen eine Gemeinsamkeit der Erz\u00e4hlungen, die weniger an besagten Himmel als an Danteske H\u00f6llenkreise denken lassen. Die Anti-Helden teilen die bitteren bis brennenden Erfahrungen des jeweils Anderen und bleiben sterbensl\u00e4nglich ineinander verwoben.<\/p>\n<p class=\"em_text\">Dennoch: Schreiben sei f\u00fcr sie &#8222;ein z\u00e4rtlicher Akt&#8220;, so die Autorin. Das Fr\u00fchwerk &#8222;Der Himmel&#8220; der damals 29-J\u00e4hrigen ist im Original bereits 2000 erschienen. Sie deutet hier eine Sprachm\u00e4chtigkeit an, die sie mit &#8222;Mapocho&#8220; sowie zwei weiteren Romanen eingel\u00f6st hat, von denen einer in K\u00fcrze auch noch auf Deutsch erscheinen wird.<\/p>\n<p class=\"em_text\"><strong>Nona Fern\u00e1ndez<\/strong><\/p>\n<p class=\"em_text\"><img decoding=\"async\" class=\"em_article_image\" title=\"Nona Fern\u00e1ndez.\" src=\"http:\/\/www.wienerzeitung.at\/_em_daten\/_cache\/image\/wzo\/0xUmFuZG9tSVZucWVtd2FoYh9zxntBodEACa0LivcedSevC0eywf8pPnhYI99Dx16HLTAoVxNlSSjdY5b3oukNkXtSWuLB5S8A.jpg\" alt=\"Nona Fern\u00e1ndez.\" \/><\/p>\n<p class=\"em_text\">\u00a9 Foto: Septime-Verlag<\/p>\n<p class=\"em_text\">.<\/p>\n<p class=\"em_text\"><strong>Die Toten im tr\u00fcben Wasser des Mapocho<\/strong><\/p>\n<p class=\"em_text\">Roman. Deutsch von Anna Gentz<\/p>\n<p class=\"em_text\">Septime Verlag, Wien 2012, 256 Seiten, 21,50 Euro<\/p>\n<p class=\"em_text\">.<\/p>\n<p class=\"em_text\"><strong>Der Himmel <\/strong><\/p>\n<p class=\"em_text\">Erz\u00e4hlungen. Deutsch von Anna Gentz<\/p>\n<p class=\"em_text\">Septime Verlag, Wien 2014, 168 Seiten, 18,90 Euro<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die W\u00e4nde des Himmels Nona Fern\u00e1ndez: Der Himmel &amp; Die Toten im tr\u00fcben Wasser des Mapocho Wiener Zeitung, Juli 2014<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[2],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/958"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=958"}],"version-history":[{"count":15,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/958\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1057,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/958\/revisions\/1057"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=958"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=958"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=958"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}