{"id":98,"date":"2011-06-16T00:00:24","date_gmt":"2011-06-16T00:00:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=98"},"modified":"2014-02-16T10:41:43","modified_gmt":"2014-02-16T10:41:43","slug":"angelika-overath-die-farben-des-schnees","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=98","title":{"rendered":"Angelika Overath: Die Farben des Schnees"},"content":{"rendered":"<p>Gleichsprachige Fremde<\/p>\n<h3>Angelika Overath: Die Farben des Schnees<\/h3>\n<p>Der Standard, Juni 2011<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Emigrantenschicksale sind en vogue. Meist geht es um die Integration der Anderen in unsere Kultur. Wir vergessen, wie sehr wir einst auch Auswanderungsland waren. Stets aber lief und l\u00e4uft der Erfolg \u00fcber die Sprache. Was, wenn sich eben die neue fremde Sprache als widerborstig erweist? Gerade einem Menschen, der f\u00fcr und durch die Sprache lebt?<\/p>\n<p>Angelika Overath hat fr\u00fch durch ihre poetischen Reportagen beeindruckt. Nach einem Roman \u00fcber eine schwierige Mutter-Tochter-Beziehung (Nahe Tage) und einem \u00fcber einen kosmopo-litischen Nichtort (Flughafen- fische) ist sie in ihrem neuen Buch zu einer Art literarischer Reportage zur\u00fcckgekehrt. Es ist ein poetisches Journal durch die vier Saisonen eines Jahres in einer neuen, fremdsprachigen Heimat.<\/p>\n<p>Das T\u00fcbinger Intellektuellenpaar &#8211; Overaths Mann ist Dozent &#8211; zog nicht aus Karrieregr\u00fcnden an einen anderen, renommierten Uni-Standort, sondern siedelt in ein Dorf um, viele Stunden entfernt von der n\u00e4chsten gr\u00f6\u00dferen Stadt. In eine Fremde, die zumindest geografisch nicht so fern liegt &#8211; ins r\u00e4toromanische Sent am Inn, ein paar Kilometer jenseits der \u00f6sterreichischen Grenze.<\/p>\n<p>Den Zuwanderern bl\u00e4st ein rauer Wind entgegen, nicht metaphorisch, sondern real klimatisch. Auf 1450 Meter H\u00f6he herrscht der Winter sieben Monate, in unz\u00e4hligen Farbschattierungen. &#8222;Wenn alles wei\u00df ist, wird das Auge farbempfindlich. Schneeschatten, bl\u00e4ulich, grau, rosa, pfirsich.&#8220;<\/p>\n<p>Und doch geht es um mehr als nur die Farben des Schnees. Die unpr\u00e4tenti\u00f6se Sprachvirtuosin ertastet mit Worten die neue Heimat. &#8222;Eine flammende Birke. Noch sind die L\u00e4rchen gr\u00fcn, aber bald brennen die H\u00e4nge bis hinauf ins Blau.&#8220; Overath beobachtet, aber nimmt auch teil, denn die Familie lebt nun da, wo sie fr\u00fcher Urlaub machte.<\/p>\n<p>Zur Jagdzeit sind keine Handwerker zu bekommen. Sogar Frauen gehen jagen. In der Herbstluft werden aus Feuchte Schneekristalle, aus Begegnungen w\u00e4chst langsam eine neue Identit\u00e4t. Doch Overath zelebriert mit ihren Wahrnehmungen keine Poetisierung eines h\u00f6heren literarischen Ich, sondern erschlie\u00dft den Ort, seine Menschen, die Berge so schlicht wie atmosph\u00e4risch dicht.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright  wp-image-742\" alt=\"DSC02212\" src=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2011\/06\/DSC02212-1024x768.jpg\" width=\"553\" height=\"415\" srcset=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2011\/06\/DSC02212-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2011\/06\/DSC02212-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2011\/06\/DSC02212.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 553px) 100vw, 553px\" \/>Sie skizziert keine Idylle, sie beschreibt, wie sich mit dem Wintertourismus, den Zweitwohnungsbesitzern, mit der Spekulation das Dorfleben \u00e4ndert. Die Senter werden nicht als D\u00f6rfler vorgef\u00fchrt, sondern erscheinen als Biotop von Kosmopoliten, Architekten und Poeten. Die einstige Armut und Abgeschiedenheit trug &#8211; ein scheinbares Paradox &#8211; zur Weltoffenheit des Tales bei: Senter waren \u00fcber Jahrhunderte selbst an zeitweilige Migration gew\u00f6hnt, als Randulins, Schwalben, vor allem nach Italien. &#8222;Der Mythos Engadin beruht zu 90 Prozent aus Fremdeinfl\u00fcssen&#8220;, sagt denn auch ein Architekt.<\/p>\n<p>Emigrantenschicksal, Sprache lernen: Overaths Migration ist, im Gegensatz zu jener verarmter Landbewohner in eine fremde Stadt, eine freiwillige. Das neue Leben, die Heimatfindung wirft dennoch Fragen auf, etwa ob der achtj\u00e4hrige Sohn in der Dorfschule optimal gef\u00f6rdert wird. Das &#8222;Senter Tagebuch&#8220; (so der Untertitel) braucht keine Deutungsschn\u00f6rkel. Das dichte Alltagsjournal ist nicht auf \u00fcberh\u00f6hten Sinn angelegt &#8211; und dabei eine poetische Liebeserkl\u00e4rung an den Ort, seine Kultur, seine Menschen.<\/p>\n<p>Es geht weder um Selbstdarstellung noch um Selbstmaskierung: Overaths literarisches Ich ist ident mit dem empirischen. Und doch wird das Ich neu geboren, in der Wahrnehmung, in &#8222;Lichtprotokollen&#8220;, nicht zuletzt mit der Sprache. Overaths Sohn hat ab dem ersten Schultag einsprachig r\u00e4toromanischen Unterricht und spricht das lokale &#8222;Vallader&#8220; im Handumdrehen. Sogar ihrem Mann erschlie\u00dft sich die Sprache als Fu\u00dfballtrainer der Dorfjugend. Nur die Autorin selbst tut sich mit dem R\u00e4toromanisch so schwer wie mit dem Klavierspielen &#8211; einem von den Eltern einst verwehrten Kindheitstraum.<\/p>\n<p>F\u00fcr beides wird sie von neuen Freundinnen an der Hand genommen, die sich daf\u00fcr Zeit nehmen. Anfl\u00fcge erster r\u00e4toromanischer S\u00e4tze der Autorin mischen sich mit einfachen Bach&#8217;schen Me- nuetten am Piano. Die Lernende &#8222;stolpert \u00fcber Pr\u00e4positionen&#8220;, erfreut sich an neuen Worten wie &#8222;Chadaf\u00f6&#8220; f\u00fcr K\u00fcche, eigentlich &#8222;Haus des Feuers&#8220;, und schreibt im zweiten Jahr erste Gedichte auf Romanisch.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gleichsprachige Fremde Angelika Overath: Die Farben des Schnees Der Standard, Juni 2011<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[2],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/98"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=98"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/98\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":744,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/98\/revisions\/744"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=98"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=98"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=98"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}