Serhij Zhadan Warum ich nicht im Netz bin

Metallischer Nachgeschmack von Worten

Der Krieg und seine Sprache

Serhij Zhadan:  Warum ich nicht im Netz bin

Wiener Zeitung, März 2017

Serhij Zhadan buchstabiert Kriegsverheerungen in der ukrainischen Landschaft und in den Köpfen der Menschen

Er ist Dichter und Rapper, Essayist und Intellektueller. Seit den Romanen „Die Erfindung des Jazz im Donbass“ und „Mesopotamien“ über Schmerzen und Skurrilitäten der postsowjetischen Transformation zählt er auch bei uns zu den wichtigsten literarischen Stimmen seines aufgewühlten Landes.

Anders als die Westukrainer Jurij Andruchowytsch und Oksana Sabuschko oder der Kiewer Andrei Kurkow stammt Serhij Zhadan aus dem Donbass. In seinem neuen Hybrid-Buch aus Tagebuchaufzeichnungen und balladenartigen Langgedichten durchstreift er mit seiner Punkband Hunde im Kosmos Industriestädte, die kurz vor Kriegsausbruch „wie blinde Tiere über dem Abgrund balancieren“: Starobilsk, wo er geboren wurde, Charkiw, wo er lebt, Luhansk, das bis 1992 Woroschilowgrad hieß, Slawjansk, wo dann der Krieg begann, oder Debaltsewo: Städte, von denen Existenz wir erst durch Nachrichten und Schlachtbilder Kenntnis nahmen. Im baldigen Sumpf zerstörter Orte und verwüsteter Landschaften sucht Zhadan den Dialog mit alten Freunden und plötzlichen Feinden, notiert deren Wut, Angst und auch Hoffnung, mit ihren jeweiligen Wahrheiten gehört zu werden. Bei allem metallischem Nachklang des Vokabulars gewinnen die Charakterbilder plastische Sinnlichkeit. In beeindruckender Verdichtung umreißt Zhadan Leidenschaften, Zärtlichkeit und Hass. Menschen bitten, fluchen, flehen, und werden nicht gehört. In Kinderferienlagern hocken Einheiten, die ihre Waffen justieren. Ein Brotladen hat nun auch Trauerkränze im Angebot.

Zhadan verankert keine Gewissheiten im Leser, sondern stellt erhellende Fragen ohne Pathos. In seinen poetische Reportagen ertastet der Sprachkünstler Leerstellen, und findet trotz Illusionslosigkeit im Kriegslärm Bruchstücke von Zuversicht. Selbst wenn wir uns längst von den Gräuelbildern der letzten Jahre erschüttert oder abgestumpft abgewandt haben: Zhadans lakonisch-prosaische Momentaufnahmen offenbaren – mehr als jeder Videoclip – die Verheerungen des Krieges in der Landschaft und in den Köpfen der Menschen.

Serhij Zhadan

Warum ich nicht im Netz bin. Gedichte und Prosa aus dem Krieg

Deutsch von Claudia Dathe und Esther Kinsky

Edition Suhrkamp

180 S., 16.50 Euro

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