Eugen Ruges Annäherung

Eugen Ruges “Annäherung”

Temporeiches Potpourri

Klagen über den Verlust von Vielfalt

Wiener Zeitung, März 2016

Eine Portion Vorschuss-Vertrauen bekommt ein preisgekrönter Literat schon mit, wenn ihm der Leser auf Reisen um die halbe Welt folgt. Umso mehr, wenn der Autor bescheiden bekennt: „Ich bin alles andere als ein notorischer Weltenbummler.“ 2011 wurde Eugen Ruge für “In Zeiten des abnehmenden Lichts“ über den Schwund sozialistischer Utopien mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. „Annäherungen“ zeichnet nun zwei Recherchereisen für jenen 500 000 mal verkauften DDR-Generationenroman nach, auf den Spuren der Familie bis nach Mexiko und Russland, Ruges Geburtsland, sowie Lesereisen nach dem literarischen Durchbruch.

Der kurze Buchtitel ist so anspruchsvoll wie mehrdeutig: die Annäherung an Orte, gleichzeitig eine Annäherung der Städte aneinander im Zuge der Globalisierung, die der Reisende anprangert: „China ist Amerika!“ In Paris, wo „ich außerhalb des Rings noch nie etwas gesehen habe, das eingeladen hätte, aus dem Taxi zu steigen“, sinniert er ob der Hotel- und Wohnungspreise: „Wirklich ekelhaft, dieser Druck, den der Scheiß-Kapitalismus ausübt“.

Der Protagonist seines zweiten Romans „Cabo de Gata“ (2013) definierte sich noch über Langsamkeit, über das Verweilen. Doch Lesetouren als Stargast erlauben nur „eine beschleunigte, oberflächliche Art des Reisens“. Die flüchtigen Wahrnehmungen und Gedankenschnappschüsse ergeben ein heterogenes Potpourri.

Beobachtungen, Erinnerungen, Enttäuschungen

In pointierter Sprache teilt Ruge Beobachtungen, Erinnerungen, Enttäuschungen. Gelegentlich kommt sein Kulturpessimismus schnoddrig, wie etwa in Griechenland: „Thessaloniki. Stadtführung. Ein Mann mittleren Alters, der sich als Professor für irgendetwas vorstellt.“ Von Spanien bis China verdammt Ruge in unheiligem Zorn die „Folgen des Freihandelskapitalismus, eine Nivellierung allerorten“, um dann – in Mexiko – das lokale Essen zu beklagen, „eine braune, schokoladehaltige Pampe“.

Kaum angekränkelt von politischer Korrektheit, schimmert der selbstironische Humor von „Cabo de Gata“ nur vereinzelt durch: „Seit morgens um fünf furzten Busse.“ Der Autor fährt an „Vorstädten wie Ameisenhügel“ vorbei, und leidet: „schwer erträglich ist das Bedürfnis offenbar aller südlicher Völker, immerzu Lärm um sich zu haben“. Und er stellt sich dazwischen doch eine letztlich unbeantwortete Frage: „Wozu reise ich?“
Gegen Ende, im New Yorker Central Park, zeigen Ruges lakonische Nominalsätze und Stimmungsbilder wieder, welche poetische Kraft – auch – im Autor steckt.

 

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Eugen Ruge

Annäherung
Notizen aus 14 Ländern.

Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2015, 192 Seiten, 20,60 Euro.

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